Nürnberg, 30.9.1945:  Die Angeklagten hören einen Teil des Urteils im Justizpalast während des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses. | picture alliance/dpa

Universität Stanford Akten der Nürnberger Prozesse sind online

Stand: 01.10.2021 13:55 Uhr

Vor 75 Jahren endeten die Nürnberger Prozesse gegen NS-Kriegsverbrecher. Seit heute sind die Prozessakten weltweit einsehbar: Die Universität Stanford hat sie digitalisiert und durchsuchbar gemacht.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

"Ich habe niemals ein Judenvernichtungslager eingerichtet oder ihre Existenz gefördert." - Die Stimme von Hans Frank, den seine Opfer auch den "Schlächter von Polen" nannten, ist als Audioaufnahme auf dem Online-Archiv der Stanford-Universität zu hören. Seine Lügen und sein windiges Herumlavieren halfen vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg nicht: 1946 wurde er in zwei von drei Anklagepunkten schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Frank war von Hitler eingesetzter Generalgouverneur von Polen. Er selbst sagte vor Gericht: "Wenn Adolf Hitler persönlich diese furchtbare Verantwortung auf sein Volk gewälzt hat, dann trifft sie auch mich." Die Audio-Aufnahmen von damals - in exzellenter, weil restaurierter Tonqualität - gehören ebenso zum Online-Archiv der Stanford-Universität wie die Gerichtsakten, die nun einsehbar sind. 

Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis die Nürnberger Akten endlich online gehen konnten, erzählt David Cohen, Professor und Direktor des Lehrstuhls für Menschenrechte und internationale Justiz in Stanford. Er ist der Meinung, "dass diese Dokumente nicht nur in irgendeinem Archiv bleiben sollen, das nur Historikern und Experten zur Verfügung steht. Wir müssen uns die heutigen technischen Möglichkeiten zu nutze machen, um ein viel breiteres und ein globales Publikum zu erreichen."

David Cohen | Marcus Schuler/ARD

David Cohen, Professor und Direktor des Lehrstuhls für Menschenrechte und internationale Justiz in Stanford.  Bild: Marcus Schuler/ARD

50 Terabyte für Tausende Akten

Die Idee zu dem offenen Archiv, das gut 50 Terabyte groß ist, hatte Cohen 1998 gemeinsam mit Professor Dieter Simon. Cohen war damals an der Universität von Berkeley und leitete dort das Zentrum für Kriegsverbrechen. Simon war Direktor am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main. Das Besondere an den 5215 Akten der Nürnberger Prozesse ist: Das erste Mal in der Geschichte saß eine Regierung auf der Anklagebank - wegen millionenfachen Mordes.

Den Staatsanwälten der Siegermächte ist es damals gelungen, die deutsche Regierung anhand ihrer eigenen Akten zu überführen. "Die militärischen Befehlshaber, die politischen Figuren, die sich mit Medien und Propaganda beschäftigt haben und die Leute, die für die Finanzen der Regierung zuständig waren - sie waren alle in Nürnberg", sagt Cohen.

Dokument mit der Aussage von Hans Frank mit Schreibmaschine geschrieben. | exhibits.stanford.edu/

Die in einem digitalisierten Dokument festgehaltene Aussage von Hans Frank. Bild: exhibits.stanford.edu/

Audiomaterial soll hinzukommen

Die Nürnberger Prozessunterlagen kommen ursprünglich vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das Holocaust-Gedenkmuseum der Vereinigten Staaten in Washington hat die Dokumente dann aufwendig digitalisiert. Die Stanford-Universität übernahm die Texterkennung der rund 270.000 einzelnen Seiten.

All diese Schriftstücke sind durchsuchbar, sagt Tom Cramer, Technik-Chef der Uni-Bibliothek von Stanford: "Damit man sich besser zurecht findet, hat der Lehrstuhl für Menschenrechte Erklärtexte formuliert, die Zusammenhänge herstellen. Die einzelnen Dokumente sind in verschiedene Gruppen aufgeteilt, zum Beispiel in 'Anklagepunkte', 'Schlussplädoyers' oder 'einzelne Verbrechen'."

Hinzu kommen sollen im Sommer nächsten Jahres noch gut 1000 Stunden an Audio-Material. Dabei handelt es sich um Mitschnitte des Gerichtsverfahrens gegen die 24 Angeklagten. Außerdem haben die Archivare mehr als sechs Stunden Filmmaterial zusammengetragen, das ebenfalls Mitte 2022 abrufbar sein soll. 

"Genozid erfassbar machen"

Vor allem Nutzerinnen und Nutzern, die der deutschen Sprache mächtig sind, dürfte das Online-Archiv aus Kalifornien weiterhelfen: 64 Prozent aller Dokumente sind auf Deutsch, sagt David Cohen. Sein Team am Lehrstuhl für Menschenrechte will in den kommenden Monaten Online-Ausstellungen produzieren, um nicht nur bloße Dokumente bereitzustellen, sondern auch das Verfahren einzuordnen und zu erklären:

Auch für Leute in anderen Ländern, nicht nur für Deutschland oder Europa. Es gibt überall auf der Welt Menschen, die sich mit Genozid beschäftigen. Wir wollen das erfassbar machen für alle und in verschiedenen Sprachen.

Cohen plant, gemeinsam mit der Universität Erlangen-Nürnberg die zwölf Nachfolgeprozesse ebenfalls online abrufbar zu machen. Dann könnten die Kriegsverbrecher-Dokumente bald auch auf deutschen Servern gespeichert sein. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Oktober 2021 um 13:23 Uhr.