Angehörige trauern um Opfer nach Anschlag in Nizza. | AP

Frankreich unter Schock Soldaten sollen Einrichtungen schützen

Stand: 30.10.2020 16:47 Uhr

Mit Tausenden Soldaten vor Schulen und Gotteshäusern will Frankreich sich vor möglichen weiteren Anschlägen schützen. In Nizza wurde ein weiterer Tatverdächtiger festgenommen, in Bangladesch und Pakistan gab es Demonstrationen.

Nach dem Messerangriff in Nizza mit drei Toten verstärkt die französische Regierung den Schutz von Schulen oder Gotteshäusern. Dazu werden auch Soldaten der inländischen Anti-Terror-Mission "Sentinelle" eingesetzt. Das kündigte Armeeministerin Florence Parly nach der Sitzung eines von Staatschef Emmanuel Macron geleiteten Verteidigungsrates in Paris an.

7000 Sicherheitskräfte würden mobilisiert, unter ihnen 3500 Reservisten der zu den Streitkräften gehörenden Gendarmerie, wie Innenminister Gérald Darmanin ergänzte. Frankreich befinde sich in einem "Krieg gegen die islamistische Ideologie", sagte Darmanin dem Radiosender RTL. Man müsse leider hinnehmen, dass weitere Taten möglich seien. Eine besondere Verstärkung mit 120 Polizisten werde es für Nizza geben.

Frankreich rief die höchste Sicherheitsstufe aus. Im Land lebt die größte muslimische Gemeinde Europas. Außenminister Jean-Yves Le Drian kündigte an, auch französische Einrichtungen im Ausland wie Schulen würden geschützt. "Die Bedrohung ist überall", sagte er.

Tunesier kam über Lampedusa nach Europa

Frankreichs oberster Anti-Terror-Ermittler Francois Ricard erklärte unterdessen, der mutmaßliche Täter, ein 1999 geborener Tunesier, sei am 20. September auf der italienischen Insel Lampedusa nach Europa gelangt. Er sei mit dem Zug in Nizza angekommen und habe sich dann zu der Kirche begeben. Dort habe er eine 60-jährige Frau enthauptet und den 55-jährigen Küster erstochen.

Er habe auch auf eine 44-jährige Frau eingestochen, die zunächst noch in ein nahe gelegenes Café flüchten und Alarm schlagen konnte, bevor sie starb. Als die Polizei am Tatort eintraf, habe der Angreifer noch immer "Allahu Akbar" gerufen. Der Mann war von der Polizei angeschossen und ins Krankenhaus gebracht worden. Er befinde sich in einem kritischen Zustand.

Nach dem Anschlag wurde inzwischen ein weiterer Verdächtiger festgenommen. Der 47-Jährige werde verdächtigt, am Tag vor der Tat mit dem mutmaßlichen Täter in Kontakt gestanden zu haben, sagte ein Sprecher der Justizbehörden.

Tunesien ermittelt gegen islamistische Organisation

Auch die tunesischen Behörden ermitteln gegen den mutmaßlichen Täter. Gemäß dem Recht des Landes werde jeder Tunesier strafrechtlich verfolgt, der in Terrorakte verstrickt sei, egal ob im Inland oder Ausland, sagte ein tunesischer Justizsprecher.

Die Behörden hatten zunächst erklärt, der Mann sei dort nicht als mutmaßlicher Extremist bekannt gewesen. Ein Vertreter der Justiz räumte dann aber ein, der Tatverdächtige sei 2016 wegen Gewalt und dem Gebrauch eines Messers festgenommen worden. Zudem leiteten die Behörden in Tunis Ermittlungen gegen eine "Mahdi Organisation" ein, die sich in den sozialen Medien zu der Tat bekannte, wie die amtliche Nachrichtenagentur TAP berichtete.

Italien: Keine Warnung erhalten

In Italien sorgt die Attacke bereits für harte politische Debatten. Innenministerin Luciana Lamorgese wies Vorwürfe zurück, dass italienische Behörden mitverantwortlich sein könnten für die Messerattacke in Nizza. Der Anschlag in der französischen Küstenstadt sei ein "Angriff auf Europa" gewesen. Sie bestätigte, dass der tunesische Terrorverdächtige vor über einem Monat in Italien in die Europäische Union eingereist sei.

Er habe am 9. Oktober eine Ausweisung erhalten, die er ignoriert habe, sagte Lamorgese. Weder von den tunesischen Behörden noch von Seiten der Geheimdienste habe es Warnungen an Italien vor Gefahren durch den Mann gegeben.

Keine "konkrete Bedrohungslage" in Deutschland

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, es gebe derzeit in Deutschland "keine konkrete Bedrohungslage". Die Gefahr des islamistischen Terrorismus bestehe aber nach wie vor, allerdings sei sie derzeit abstrakter Natur. Die Sicherheitsbehörden beobachteten die Lage "sehr wachsam".

Aktuell seien in Deutschland 620 islamistische Gefährder bekannt, von denen sich derzeit 350 im Land aufhielten. Die übrigen seien wieder ausgereist.

Demonstrationen in Bangladesch und Pakistan

In mehreren überwiegend muslimischen Ländern kam es derweil erneut zu Demonstrationen gegen Frankreich. In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka gingen Zehntausende auf die Straße. Sie forderten einen Boykott französischer Produkte und trugen Banner, auf denen Präsident Emmanuel Macron als "der größte Terrorist der Welt" bezeichnet wurde.

Auch in Pakistan gingen Demonstranten auf die Straße. In der Hauptstadt Islamabad ging die Polizei mit Tränengas gegen Tausende Demonstranten vor, die zur französischen Botschaft marschierten. Zu Protesten kam es auch in Jerusalem, in Ramallah und Gaza sowie in Somalia. Australien und Indien kritisierten die Proteste und stellten sich an die Seite Frankreichs.

Auslöser der Spannungen waren Macrons Aussagen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf einen Lehrer bei Paris, der Mohammed-Karikaturen in seinem Unterricht gezeigt hatte. Der Präsident betonte, dass Frankreich "Karikaturen und Zeichnungen nicht aufgeben" werde.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Oktober 2020 um 15:00 Uhr.