Ein Junge an einem mit Öl verschmutzten Bach im Ogoniland. (Aufnahme von 2013)

Vorwürfe von Amnesty International Die Altlasten von Shell im Nigerdelta

Stand: 03.11.2015 15:08 Uhr

Bis Anfang der 1990er Jahre hat Shell im Nigerdelta Öl gefördert. Was blieb: Eine gigantische Umweltverschmutzung und die Verpflichtung, die hochgradig vergifteten Gebiete zu säubern. Amnesty International wirft Shell nun vor, dies sei nur unzureichend geschehen.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Erabanabari Kobah kommt aus dem Dorf Kederé im Ogoniland. Dort förderte Shell vor mehr als 20 Jahren Erdöl. Dann begannen die massiven Proteste der Bevölkerung gegen den Großkonzern. Shell zog sich zurück, hinterließ aber eine Landschaft, die vom Erdöl gezeichnet ist: Öllachen auf dem Wasser, Öl im Boden. Kobah beschreibt die Situation in seinem Dorf: "Auch wenn an diesen Stellen eine Farm ist oder Trinkwasser oder wenn da vielleicht Fischerei betrieben wird, sollen wir diese Orte meiden. Das zeigt unsere Situation."

Jens Borchers ARD-Studio Rabat

Öl an Orten, wo Menschen fischen

Marc Dummet von Amnesty International hat vier solcher Standorte besucht. Der Ölkonzern Shell behauptet, dort die Umweltverschmutzungen beseitigt zu haben. Dummet fand etwas anderes: "Was mich am meisten schockiert hat, als ich dort war und das Öl sehen und riechen konnte: Wie ungenügend diese Säuberung war. Und wie nah das Öl an den Orten ist, wo die Menschen Ackerbau treiben und fischen."

Amnesty International reicherte seine Untersuchung mit Videomaterial an. Zu sehen sind schwarzer Schlamm an den Ufern des Nigerdeltas und schillernde Öllachen auf dem Wasser. Und das an Standorten, von denen Shell behauptet, sie seien gereinigt worden.

Shell Cawtharine channels(Aufnahme von 2013)

Shell-Pumpanlage bei Awoba im Niger-Delta (Aufnahme von 2013)

Schlampig arbeitende Behörden

Dummet fand noch etwas heraus. Offensichtlich arbeiten die nigerianischen Behörden, die die Säuberung kontrollieren sollen, schlampig: "An drei Standorten von den insgesamt vier, die wir untersucht haben, hat der zuständige Regierungsbeamte bestätigt, dass diese Gebiete gesäubert seien. Es gibt offensichtlich auch ein Problem mit der staatlichen Aufsicht."

Deshalb wirft Amnesty der Regierung Nigerias auch vor, sie gehe viel zu lax mit den Ölkonzernen um. Dabei geht es auch um die Frage, welche Auswirkungen die Verschmutzungen für die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten haben. Kobah aus Kederé sagt, sie wissen es selbst nicht: "Wir sehen heute, dass die Umwelt vergiftet ist, die Pflanzen sterben, die Flüsse tot und die Ernten miserabel sind. Aber über die gesundheitlichen Folgen für die Menschen gibt es keine umfassende Untersuchung.“

Shell Nigeria bestreitet die Vorwürfe - allerdings ohne detaillierte Angaben zu den Säuberungsprogrammen zu machen. Die Firma sagt, sie sehe sich weiterhin in der Pflicht dort zu säubern, wo es Öllecks gegeben habe. Aber Shell behauptet auch, viele Verschmutzungen seien durch Öldiebstahl und illegale Raffinerien verursacht worden.

Tatsache ist aber auch, dass das nigerianische Recht vorschreibt, dass derjenige Umweltschäden beseitigen muss, dem die Pipelines und Raffinerien gehören.

Die nigerianische Regierung reagierte noch nicht auf den Amnesty-Bericht. Allerdings hatte Präsident Muhammadu Buhari schon vor Monaten gesagt, dass er eine bessere und umfassendere Beseitigung der Ölschäden im Nigerdelta will. Konkrete Pläne dafür sind allerdings noch nicht bekannt. Deshalb sagt Kobah, die Situation für die Menschen sei verzweifelt: "Wir kennen unser Problem, aber wir haben keine Lösung dafür!"

Dieser Beitrag lief am 03. November 2015 um 11:39 Uhr im Deutschlandfunk.