Ein jüdischer Mann mit Atemschutzmaske in Manhattan (Bild vom 5.05.2021). | AFP

US-Gesellschaft Antisemitismus - ausgerechnet in New York

Stand: 07.05.2021 17:00 Uhr

Nirgendwo in den USA sind Übergriffe auf Jüdinnen und Juden so häufig wie in New York. Die Corona-Krise macht sie für viele zum Sündenbock - und das Wissen über den Holocaust schwindet.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Die New Yorkerin Doria Kahn trägt eine schwere deutsche Geschichte mit sich: "Mein Großonkel, der Bruder meines Opas, war einer der ersten getöteten Juden, mit denen der Holocaust begann", erzählt die Studentin in einem Café nahe der New York University.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Arthur Kahn liegt auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Nürnberg begraben. Gerade mal 21 - zwei Jahre jünger als Doria heute ist - war der Medizinstudent aus Gemünden am Main, als die SS ihn und drei weitere Juden im April 1933 im KZ Dachau umbrachten. In Dorias Familie ist sein Schicksal bis heute allgegenwärtig. "Jedes Jahr zum Pessach-Fest erzählen wir die Geschichte zweimal. In der zweiten Nacht zünden wir Kerzen für meinen Großonkel an", erzählt sie. "Er ist ein fester Teil unserer Familie. Mein Vater ist nach ihm benannt."

Umso fassungsloser ist die Politik- und Wirtschaftsstudentin Doria heute darüber, dass wieder Steine durch Fenster von Synagogen fliegen - in New York, in der die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels lebt. "Es schmerzt. Ich bin niemals so erzogen worden, dass Antisemitismus eine Sache der Vergangenheit ist", sagt sie. "Aber was gerade hier passiert, schockiert mich."

Eine Demonstration gegen Antisemitismus in New York. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Eine Demonstration gegen Antisemitismus in New York. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Hassattacken im Netz nehmen zu

In der jüngsten Reihe von Attacken warfen Vandalen Steine durch die Fenster einer Synagoge in der Bronx. Drei weitere Gotteshäuser in der Metropole wurden ebenfalls angegriffen. Bürgermeister Bill de Blasio verurteilte die antisemitischen Taten und ließ den Polizeischutz für alle Synagogen in der Stadt erhöhen.

Die Verbrechen sind keine Einzelfälle, wie die Menschenrechtsorganisation "Anti-Defamation League" (ADL) dokumentiert: Fast jeder fünfte Übergriff auf Menschen jüdischen Glaubens in den USA geschieht in New York. ADL-Direktor Scott Richman ist alarmiert: "Ungeachtet der Tatsache, dass wir letztes Jahr eine Pandemie hatten, dass die Leute isoliert waren, dass Schulen und Büros geschlossen waren, hat der Antisemitismus ein historisches Hoch erreicht."

336 Vorfälle wurden 2020 registriert: Hakenkreuz-Schmierereien und Anti-Israel-Parolen an Häuserwänden, Zerstörungen an Synagogen. Angst mache sich breit, sagt Michael Miller, Leiter des jüdischen Dachverbands "Jewish Community Relations Council" (JCRC). "Die physischen Attacken und der Vandalismus nahmen ab", sagt er. "Aber was zugenommen hat, ist der Antisemitismus im Netz."

Stigmatisiert als Corona-Infektionstreiber

Dort sprengen Täter religiöse Online-Konferenzen, verbreiten antisemitische oder Nazi-Propaganda oder Hassparolen auf Social Media. "Ich war sehr traurig, das zu hören und wieder mit der Realität konfrontiert zu werden, welcher Hass in der amerikanischen Gesellschaft existiert - und speziell Hass gegen die jüdische Gemeinde", sagt Miller. Die Gemeinde werde seit Jahren zunehmend dämonisiert von einem Teil einer immer gespalteneren Gesellschaft.

In New York, wo es viele ehemalige jüdische Viertel gibt, werde durch Gentrifizierung zudem bezahlbarer Wohnraum knapp: "Diese Viertel wurden irgendwann Minderheiten-Viertel mit zugezogenen Afro- oder Lateinamerikanern. Jetzt kommen die Sanierer", meint Miller und fragt: "Wo sollen die armen Leute leben? Das erzeugt Spannungen. Und wenn es die gibt, suchen alle nach Sündenböcken."

Zu Sündenböcken gemacht wurden Juden auch in der Pandemie: Bilder orthodoxer Maskengegner und religiöser Zusammenkünfte in Zeiten des Lockdowns lösten Verallgemeinerungen über ihr Handeln aus. Auch die Bemerkungen mancher Studierender schockieren Studentin Kahn: "Sie fragen: Warum müssen wir so viel über den Holocaust reden? Juden sind so privilegiert", erzählt sie. Schmerzhaft nimmt die junge New Yorkerin wahr, wie immer mehr Menschen um sie herum den Holocaust leugnen. Wie immer weniger junge Amerikaner wissen, was in Auschwitz geschah.

"Wer sind diese Männer mit den schwarzen Hüten?"

Die jüdische Gemeinde müsse vor allem auf Aufklärung setzen, sagt auch Rabbi Yehuda Sarna, Exekutivdirektor des Bronfman-Zentrums für jüdisches Studentenleben in New York. Doria spreche aus, was viele junge Juden fühlten: "Sie praktizieren ihren Glauben. Sie sind weltoffen, liberal und schauen optimistisch auf das Leben. Gleichzeitig sehen sie sich mit einem wachsenden Hass konfrontiert."

Die New Yorker Polizei hat eine eigene Stelle zur Vorbeugung vor Hassverbrechen eingerichtet. Die vielen Vorfälle sorgen seit drei Jahren für Angst und Unruhe, sagt Mitarbeiterin Deborah Lauter: Übertroffen werden sie in ihrer Zahl derzeit lediglich von anti-asiatischen Hassverbrechen.

Lauters Abteilung startete Aufklärungsprogramme. Orthodoxe Geistliche erklären anderen Nachbarschaften, wer sie sind. "Denn oft verstehen die Kinder nicht: Wer sind diese Männer mit den schwarzen Hüten und langen Mänteln? Mithilfe der Rabbis konnten wir bereits viele Vorurteile beseitigen, das hat geholfen."

Und das sei dringend nötig, sagt Doria Kahn, deren Großonkel eines der ersten Holocaust-Opfer war - und die vor zwei Jahren einmal nach Deutschland kam, um einen Gedenkgottesdienst für die Opfer des Anschlags auf die Synagoge in Halle zu besuchen. "Wenn die Leute bestimmte Dinge glauben und sagen können und es akzeptiert wird, dass Gruppen stigmatisiert werden - das gab es schon mal", warnt sie. "Wir wissen, was dabei heraus kam - es war nichts Gutes."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Mai 2021 um 11:48 Uhr.