Taxifahrer demonstrieren in New York für strengere Vorschriften für Fahrdienstvermittler wie Uber and Lyft | Bildquelle: AFP

Konkurrenz durch Fahrdienstvermittler Verzweiflung unter New Yorks Taxifahrern

Stand: 20.06.2018 12:07 Uhr

Fahrdienstvermittler wie Uber und Lyft sind beliebt in New York - und setzen den Taxifahrern zu. Viele fühlen sich von der Stadt verraten. Mehrere Taxifahrer nahmen sich bereits das Leben.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

"Fünf unserer Brüder tot. Nicht noch mehr!", brüllt der Gewerkschafter. Sie stehen vor der City Hall. Fünf Särge neben ihnen. Symbole für fünf Taxifahrer, die sich in den letzten fünf Monaten das Leben nahmen in New York City. Einer erschoss sich in seinem Wagen vor dem Bürgermeisteramt.

Gabriel Ochichor ist auch gekommen. Sein Vater Nicanor, 65 Jahre alt, erhängte sich neulich in der Garage neben seinem Yellow Cab - dem berühmten gelben Taxi von New York: "Er sah nur noch Dunkelheit. Er dachte, er müsste für immer arbeiten. Er wollte seinen Ruhestand, aber dann kam alles anders."

Mitglieder der Gewerkschaft der Taxifahrer protestieren in New York | Bildquelle: AP
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Die Gewerkschaft der Taxifahrer in New York protestiert regelmäßig vor dem Rathaus - nach einer Reihe von Suiziden unter Fahrern.

Jahrzehntelang das Recht auf Exklusivität

Jahrzehntelang gab es in New York eine Regel: Wer ein Taxi betreiben will, braucht eine Plakette, eine Lizenz. Nur wer die hatte, durfte ein gelbes Taxi fahren. Die Plakette, buchstäblich auf jeder Motorhaube eines gelben Taxis zu sehen, war jahrzehntelang das Recht auf Exklusivität und gute Geschäfte: "So wie mein Vater das verstand, hat die Stadt ihm eine Lizenz auf Exklusivität verkauft. Aber dann kamen Uber und andere Fahrdienste. Aber mein Vater zahlt weiter."

Uber, Lyft, andere Fahrdienste zahlen 200 Dollar und sind im Geschäft. Die Lizenz für ein gelbes Taxi: 2014 kostete sie zwischenzeitlich mehr als eine Million. Nicanor Ochichor hatte seine Lizenz 1989 für 180.000 Dollar gekauft. Viel Geld für den rumänischen Einwanderer.

"Die Stadt hat ihn verraten"

Er machte damals Schulden für seinen Traum - im guten Glauben und mit dem Versprechen der Stadt, dass die Lizenz an Wert gewinnt. Es kam anders. Die Lizenz sollte seine Lebens- und Altersversicherung werden: "Es war seine Rentenversicherung. Es war eine sichere Sache, weil die Stadt die Lizenzen beschränkte. Aber dann hat die Stadt ihn verraten", sagt sein Sohn.

13.587 Lizenzen für Yellow Cabs hat die Stadt verkauft und Millionen kassiert. Mittlerweile aber fahren über 65.000 schwarze Limousinen von Uber und Lyft, ohne Lizenzen kaufen zu müssen.

Die App des Fahrdienstvermittlers Uber auf einem Smartphone | Bildquelle: AP
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Für den Fahrdienstvermittler Uber ist New York der größte Markt in den USA - dort schlagen die diversen Anbieter mittlerweile die traditionellen Taxis.

Mehr Arbeit, weniger Verdienst

Gabriels Vater arbeitete immer länger, seine Mutter fuhr tagsüber, der Vater nachts. 13-Stunden-Schichten - aber die Einnahmen schrumpften. Viele Fahrer konnten den Kredit für die Lizenz nicht mehr zahlen, Gabriels Vater fürchtete um den gesicherten Lebensabend für seine Frau und sich. Fünf tote Taxifahrer ebenfalls.

New Yorker Uber-Kunden zucken da mit den Schultern. Naja, ist halt Wettbewerb, sagen sie. Gabriel Ochichor, sagt, dass sei alles, nur kein Wettbewerb. Der eine zahle 200 Dollar, andere wie sein Vater zahlten 180.000. "Das Wort Wettbewerb sollte man hier streichen."

Fahrdienste schlagen traditionelle Taxis

Bürgermeister Bill de Blasio wollte Uber zuerst regulieren. Dann kamen millionenschwere Lobbyisten. New York ist der größte Uber-Markt der USA, im Vorjahr gab es erstmals mehr über Apps wie Uber oder Lyft vermittelte Fahrten in New York City als Trips in den traditionellen Yellow Cabs.

Fünf Selbstmorde. Er hat den Tod seines Vaters nicht kommen sehen, sagt Gabriel. Aber es würden weitere Taxifahrer folgen: "Gerade hat es wieder eine Versteigerung von Taxilizenzen gegeben. 104 Besitzer, die die Kredite nicht mehr zahlen konnten, mussten zu Schleuderpreisen verkaufen."

Ein Hedgefonds übernahm die Taxilizenzen.

Anmerkung zur Berichterstattung über Selbsttötungen

Üblicherweise berichtet tagesschau.de nicht über Suizide. Wir orientieren uns dabei am Pressekodex: Demnach gebietet die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung: "Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

Ein weiterer Grund für unsere Zurückhaltung ist die erhöhte Nachahmerquote nach Berichterstattung über Selbsttötungen.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Lizenz für den Tod - Selbstmordserie unter New Yorks Taxifahrern
Georg Schwarte, NDR New York
20.06.2018 10:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Juni 2018 um 10:20 Uhr.

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