Eine Gruppe Menschen mit Mundschutz auf der Staten Island-Fähre. | Bildquelle: AP

Corona-Krise in New York Sehenden Auges in die Katastrophe

Stand: 22.04.2020 15:46 Uhr

Zu Beginn der Corona-Krise klopften sich Gouverneur Cuomo und New Yorks Bürgermeister De Blasio noch auf die Schultern. Doch auf Beschwichtigungen folgten Warnungen und Hilferufe gen Washington.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Die Bilder aus New York gingen um die ganze Welt: lange Schlangen vor den Krankenhäusern, Notlazarette in Parks und großen Hallen. Kühl-Lkw, um Leichen zu lagern. Ein Gesundheitssystem vor dem Kollaps.

Dabei hatte Gouverneur Andrew Cuomo noch Anfang März breitbeinig verkündet: "Entschuldigen Sie unsere New Yorker Arroganz. Aber, und da spreche ich auch im Namen des Bürgermeisters: Wir haben das beste Gesundheitssystem auf dem Planeten hier in New York."

"Wird hier nicht so schlimm"

Der angesprochene Bürgermeister Bill de Blasio nickte eifrig. Auch als Cuomo sagte, die beiden gingen davon aus, dass es in New York "gar nicht so schlimm werden wird wie anderswo auf der Welt".

Bürgermeister de Blasio vor einem Lazarettschiff | Bildquelle: AFP
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Bürgermeister de Blasio vor einem Lazarettschiff in New York.

Das Corona-Krisenmanagement von Cuomo und de Blasio ist eine Chronologie des Versagens. Sie beginnt am 1. März, als die erste Infektion in New York bekannt wird: eine 39-jährige Frau, die einige Tage zuvor auf dem Flughafen JFK gelandet ist. "Wir glauben nicht, dass sie ansteckend war auf dem Flug. Aber aus Sicherheitsgründen werden wir alle Passagiere kontaktieren, so de Blasio.

Das jedoch ist niemals passiert. Kurze Zeit später wird klar: Das Virus ist schon längst in New York angekommen. In New Rochelle, einem Vorort der Millionenmetropole, werden zahlreiche Menschen positiv getestet. Experten fordern jetzt schnell zu handeln.

Beschwichtigungen und Durchhalteparolen

Stattdessen verkündet Cuomo am 8. März auf Fox News: "Die Leute haben Angst. Sie wissen nicht, wem sie glauben sollen. Diese Angst ist gefährlicher als das Virus selbst."

Und obwohl erste Krankenhäuser bereits vor einer Überlastung des Systems warnen, wiederholt Cuomo die Mär vom Gesundheitssystem, das bestens gerüstet sei: Es gebe genügend Krankenhausbetten.

Und obwohl Bürgermeister de Blasio einräumt, das Virus könne sich bereits überall in der Stadt verbreitet haben, verkündet er Durchhalteparolen - im Interesse der Gastronomie. "Das Beste ist, wenn wir einfach weitermachen wie bisher: ausgehen, Geschäfte unterstützen. Wenn ihr eurer Verhalten ändern sollt, dann sagen wir euch das."

Danach hören die New Yorker lange nichts von ihrem Bürgermeister. Während in San Francisco und Los Angeles bereits die Schulen schließen, obwohl es dort kaum Corona-Fälle gibt, geht das Leben in New York einfach weiter. Trotz rasant steigender Infektionszahlen.

Maßnahmen erst Mitte März

Erst am 15. März zieht New York nach: "Das wird schwierig für viele Familien werden. Deshalb fällt mir diese Entscheidung auch so schwer. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich jemals in diese Situation komme", so de Blasio.

Dann geht es auf einmal schnell bei ihm: Am 17. März warnt er die New Yorker, sich in den kommenden Tagen auf eine "Shelter in Place"-Anordnung einzustellen. Also darauf, das Haus nicht mehr verlassen zu dürfen. Worüber sich Gouverneur Cuomo öffentlich lustig macht: "Shelter in Place wird angeordnet, wenn es eine Schießerei gibt oder während eines Atomkriegs, wenn ich im Haus bleiben muss. Aber wir sind hier nicht im post-nuklearen Holocaust."

Erneut ist es Kalifornien, das vorangeht. Am 19. März verkündet Gouverneur Gavin Newsom weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Sein New Yorker Amtskollege Cuomo erst drei Tage später. Jetzt wechseln Cuomo und de Blasio den rhetorischen Modus: "Wir sind mitten in einem Krieg."

Plötzlich ist klar: Das Gesundheitssystem ist völlig überfordert. Notfall-Lazarette müssen gebaut werden, Cuomo bettelt um mehr Ärzte, Pfleger und Beatmungsgeräte - und hat plötzlich die Erkenntnis, dass man dem Virus seit dem ersten Tag hinterher laufe. Ein paar Wochen zuvor hatte er noch das komplette Gegenteil verkündet.

 

Die hausgemachte Katastrophe: Wie New York in der Corona-Krise versagt hat
Peter Mücke, ARD New York
22.04.2020 14:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. April 2020 um 15:00 Uhr.

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