Neukaledonien, Noumea: Französische Gendarmen patrouillieren an einem Kreisverkehr.  | dpa

Referendum in Neukaledonien Paris fürchtet um Einfluss im Indo-Pazifik

Stand: 12.12.2021 00:24 Uhr

Verliert Frankreich seinen strategischen Einfluss im Indo-Pazifik? Um diese Frage geht es für Paris bei dem Unabhängigkeitsreferendum, das in der Ex-Kolonie Neukaledonien abgehalten wird. China steht schon parat.

Von Julia Borutta, ARD-Studio Paris

Die grüne hügelige Landschaft ist wunderschön, die Pflanzenwelt einzigartig, der weiße Sand der Strände fein wie Mehl. 17.000 Kilometer weit entfernt liegt die kleine langgezogene Insel fern ab von Paris vor der Ostküste Australiens. Doch der Kiesel - le caillou - wie die Franzosen Neukaledonien nennen, ist für die ehemalige Kolonialmacht Frankreich ein in jeder Hinsicht wertvoller Flecken Erde.

Julia Borutta ARD-Studio Paris

Denn tief im Boden dieses französischen Überseeterritoriums, das Frankreich im Jahr 1853 zur Kolonie erklärt hatte, liegen 25 Prozent der weltweiten Nickel-Reserven. Das Gold des 21. Jahrhunderts - Nickel wird gebraucht für Batterien, Handys, Flachbildschirme. Neukaledonien macht Frankreich zum fünftgrößten Nickel-Exporteur der Welt. Den Einfluss hier zu verlieren, würde bedeuten, China den roten Teppich auszurollen, meint Bastien Vondendick, Fachmann für die internationalen Beziehungen im Pazifik.

Ein Szenario, in dem ein unabhängiges Neukaledonien nicht zu einem chinesischen Satelliten wird, ist gar nicht vorstellbar. Warum? Weil China in der Lage wäre, Neukaledonien mit Geld zu überschwemmen, die Infrastruktur zu stellen, um den Nickel in noch größerem Stil abzubauen. Die Chinesen schauen sich gerade mit großen Appetit an, was hier passiert

sagt Vondendick. Doch es geht für Frankreich nicht vorrangig um wirtschaftliche Interessen. Paris versteht sich als Weltmacht und möchte im Indo-Pazifik weiter als solche auftreten. Dafür braucht Frankreich die Militärbasis Neukaledonien.

Machtverlust befürchtet

Angesichts des Machtkampfes zwischen China und den USA in der Region fürchtet Frankreich, an den Rand gedrängt zu werden. Der gescheiterte U-Boot Deal mit Australien und den USA hat diese Sorge noch verstärkt. "Zu Recht", meint Vondendick. "Wir sind ein wichtiger geostrategischer Punkt - nah an Australien, nah an Neuseeland, wir sind das Tor zu Südostasien. Wir sind Teil des melanesischen Inselbogens. Und wir verfügen bereits über eine militärische Infrastruktur", sagt Vondendick. Diesen strategischen Punkt zu übernehmen, wäre für China ein außerordentlicher Glücksfall. "Heute spricht man davon, auf Wanuatu oder Papua Neuguinea Häfen zu bauen. Das braucht man alles nicht mehr, wenn man Neukaledonien hat."

Und die Neukaledonier selbst? Sind gespalten. Die Loyalisten - mehrheitlich weiße Einwanderer oder Nachfahren der Kolonisatoren, Caldoches genannt, wollen weiter zu Frankreich gehören. Sie fürchten, dass Neukaledonien ohne die Geldspritzen aus Paris zusammenbrechen würde. Die Zuwendungen aus Frankreich machen circa 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Die ursprünglichen Bewohner der Insel, die sich selbst Kanak nennen und ihre Insel La Kanaky, wollen mehrheitlich die Unabhängigkeit von Frankreich. 

Das "Schreckgespenst" China lassen Daniel Goa und seine Mitstreiter von der Unabhängigkeitspartei UC nicht gelten. "Das ist doch nur ein Ablenkungsmanöver, damit wir nicht sehen, dass der Hai schon unter uns ist. Und dieser Hai, das ist Frankreich. So einfach ist das. Wir wollen unsere Partner selbst wählen. Dieser Partner wird dann Frankreich sein, weil uns eine 160 Jahre alte Geschichte miteinander verbindet. Aber den Rahmen dieser Partnerschaft wird dann nicht mehr Frankreich vorgeben", so Goa.

Abstimmung unter schwierigen Vorzeichen

Heute wird zum dritten Mal seit 2018 abgestimmt. So sieht es der beschlossene Fahrplan vor. Die ersten beiden Male haben mit rund 56 und rund 53 Prozent die Remainer gewonnen. Diesmal schien es, als würde sich die Stimmung zugunsten der Separatisten wenden. Doch dann kam Covid. Die Unabhängigkeitsbefürworter forderten, dass das Referendum verschoben wird, weil die Kanak-Bevölkerung schwer von der Pandemie getroffen ist und die gesundheitliche Lage keinen vernünftigen Wahlkampf zulasse. Doch Paris lehnte ab.

Nun steht das dritte und letzte Referendum unter keinem guten Stern. Die Separatisten wollen es durch ihr demonstratives Fernbleiben diskreditieren. Der französische Präsident will die Abstimmung angeblich nicht beeinflussen. Doch er sagte diese Woche erneut: Frankreich wäre weniger schön ohne Neukaledonien.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Dezember 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.