Nicola Gratteri, der leitende Staatsanwalt im Prozess gegen die 'Ndrangheta, mit seinen Leibwächtern im Rom. | Bildquelle: AFP

Prozessbeginn in Italien "Kenne 'Ndrangheta, seit ich Kind bin"

Stand: 13.01.2021 03:56 Uhr

Heute beginnt in Italien der größte Prozess seit 30 Jahren gegen die kalabrische Mafia. Staatsanwalt Gratteri will der 'Ndrangheta seit Schulzeiten das Handwerk legen. Der Erfolgsdruck ist gewaltig.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Nicola Gratteri weiß um seine Verantwortung. Umgeben von seinen Leibwächtern steht der Antimafia-Staatsanwalt am Rande der Piazza della Repubblica in Rom. Der 62-Jährige führt die Anklage im ersten großen Prozess gegen die 'Ndrangheta. "Die 'Ndrangheta ist nach Ansicht der Experten zurzeit die gefährlichste und am weitesten verbreitete Mafia auf allen Kontinenten", sagt er. "Sie ist die reichste der Mafiaorganisationen, weil sie quasi das Monopol auf die Einfuhr von Kokain nach Europa hat."

Prozess gegen hunderte Mitglieder der italienischen 'Ndrangheta beginnt
13.01.2021, Anja Miller, ARD Rom

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Rund 50 Milliarden Euro jährlich nimmt die 'Ndrangheta ein, mehr als Deutsche Bank und der McDonald's-Konzern zusammen. Ihre Macht setzt die Mafiaorganisation aus dem süditalienischen Kalabrien mit beispielloser Brutalität durch. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass ein Opfer des Mancuso-Clans wohl Schweinen zum Fraß vorgeworfen wurde, um Spuren zu verwischen. Die Bosse genau dieses Clans stehen im heute beginnenden Prozess in Lamezia Terme vor Gericht.

So einen Prozess gab es seit 30 Jahren nicht mehr

Ein bedeutender Schritt, sagt Autor und Uni-Dozent Enzo Ciconte, der zahlreiche Bücher zur Geschichte der 'Ndrangheta veröffentlicht hat. "Die Mancuso-Familie ist Drogen-Großhändler. Sie verkauft an andere Organisationen in Norditalien und im Ausland weiter und macht damit ihre enormen Gewinne", erklärt er.

Es ist ein Megaprozess, wie ihn Italien seit 30 Jahren nicht erlebt hat: mehr als 900 Zeugen, rund 400 Anwälte, 355 Angeklagte. Darunter Luigi Mancuso, der mutmaßliche Boss des 'Ndrangheta-Clans, aber auch seine Helfer und Helfershelfer, sowie Anwälte, Politiker, Polizisten, die nach Erkenntnissen der Ankläger der 'Ndrangheta zugearbeitet haben.

Einige dieser mutmaßlichen Mafiosi wurden im Ausland festgenommen - auch in Deutschland, sagt Gratteri. Die 'Ndrangheta sei dort "stark präsent in der Gastronomie und im Dienstleistungssektor." Nach Schätzung des Bundesinnenministeriums hat die 'Ndrangheta in Deutschland bis zu 1000 Mitglieder, die 'Ndrangheta-Morde 2007 in Duisburg sorgten international für Schlagzeilen.

Schulweg in Kalabrien: An Leichen vorbeigefahren

Im Megaprozess in Lamezia geht es unter anderem um Mord, Drogenhandel, Waffenbesitz und Mafia-Zugehörigkeit. Verhandelt wird in einem ehemaligen Callcenter-Gebäude, das der Staat für zwei Millionen Euro zum Hochsicherheitsgerichtssaal umbauen ließ.

"Dieser Prozess ist ein wichtiges Signal, weil er zeigt, dass der Staat im Kampf gegen die 'Ndrangheta ernst macht", sagt Ciconte. Ein Kampf, der für den leitenden Staatsanwalt Gratteri auch Teil seiner persönlichen Geschichte ist. "Ich kenne die 'Ndrangheta, seit ich Kind bin. Ich bin per Anhalter zur Schule und auf dem Weg habe ich immer wieder Leichen am Boden gesehen", erzählt er. "Ich habe mir gesagt: Wenn ich groß bin, möchte ich was machen, damit sowas nicht mehr passiert."

Italien schaut jetzt auf ihn. Der Erfolgsdruck ist groß. Einige Kollegen sind skeptisch: Der Prozess sei zu groß angelegt, heißt es. In die Anklage sind mehr als vier Jahre Ermittlungen eingeflossen. Gratteri sagt selbstbewusst: "Ich kenne die 'Ndrangheta fast von innen, weil ich mit Kindern von Mafia-Bossen zur Schule gegangen bin. Meine Spielkameraden waren diejenigen, die dann 'Ndranghetisti geworden sind. Daher weiß ich, wie diese Leute denken. Das hilft mir in meiner Arbeit."

Italiens Medien rechnen mit einer Prozessdauer von mindestens zwei Jahren. Gratteri hofft, dass es gelingt, den Megaprozess bereits nach einem Jahr abzuschließen.

Größter Prozess seit 30 Jahren gegen 'Ndrangheta
Jörg Seisselberg, ARD Rom
12.01.2021 17:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Januar 2021 um 09:00 Uhr.

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