Robert Mugabe | REUTERS
Nachruf

Robert Mugabe gestorben Vom Freiheitshelden zum Diktator

Stand: 06.09.2019 10:42 Uhr

Robert Mugabe führte Simbabwe in die Freiheit - er stand aber auch für Gewalt, Korruption und Machthunger. Der Westen ließ ihn lange gewähren. Schließlich trieb das Militär ihn aus dem Amt. Jetzt ist der langjährige Ex-Präsident gestorben.

Von Jan-Philippe Schlüter, ARD-Studio Johannesburg

Am liebsten präsentierte sich Robert Mugabe in einem vollen Stadion - als Revolutionsheld, bejubelt von seinen Anhängern, den bösen Westen verteufelnd.

Jan-Philippe Schlüter ARD-Studio Johannesburg

Robert Mugabe - der Mann, der Simbabwe mehr als 30 Jahre beherrscht hat. Ein diktatorischer Präsident, der sein Land von Feinden umzingelt sah, die ihn stürzen wollten. Was er aber niemals zulassen würde. Die Ironie der Geschichte ist: Mugabe ist letztlich nicht von außen gestürzt worden, sondern von seinem innersten Machtzirkel.

Am 21. Februar 1924 wurde Robert Gabriel Mugabe in der britischen Kronkolonie Südrhodesien in der Mission Kutama geboren. Er wuchs in ärmsten Verhältnissen auf. Trotzdem studierte er und wurde Lehrer.

In den 1960er-Jahren schloss er sich dem Widerstandskampf gegen das System der Rassentrennung an. Er führte einen Guerillakrieg gegen das rassistische Regime von Premier Ian Smith und musste für mehr als zehn Jahre ins Internierungslager.

Der junge Mugabe gab sich versöhnlich

1980 gewann Mugabe überlegen die international vermittelten Parlamentswahlen und wurde Premierminister. Wer einen Rachefeldzug gegen die weiße Minderheit erwartete, wurde überrascht - Mugabe gab sich versöhnlich: "Ich kann nicht hassen. Mein Herz sagt mir, dass ich mit allen befreundet sein will. Ich hasse niemanden, egal was er mir angetan hat."

"Alles vergeben und vergessen?" fragt der Interviewer. "Ja", antwortet Mugabe. "Wir haben das erreicht, wofür wir gekämpft haben. Warum sollten wir die Verlierer hassen?"

Robert Mugabe (1974) | AP

Mugabe - hier auf einem Foto von 1974 - war einst Guerilla-Führer. Bild: AP

Schöne Worte, denen reichlich Taten folgten: Mugabe machte Simbabwe dank seiner florierenden Landwirtschaft zur Kornkammer des Kontinents. Das Bildungs- und Gesundheitssystem waren vorbildlich, Mugabe wurde zum Liebling des Westens.

Der ließ ihn auch machen, als Mugabe sein anderes Gesicht zeigte - das des skrupellosen Machthabers. Im Matabeleland, der Hochburg seiner politischen Rivalen, ließ er ein Blutbad anrichten. Bis zu 20.000 Menschen wurden getötet. Die internationale Gemeinschaft schaute weg.

Exzess gegen weiße Farmer

Das änderte sich Anfang der 2000er-Jahre. Mugabe verlor eine Volksabstimmung, die ihm mehr Macht sichern sollte. Er entwickelte sich endgültig vom Versöhner zum gnadenlosen Diktator. Aus der eigentlich sinnvollen Landumverteilung wurde ein Exzess gegen weiße Farmer: "Ihr seid jetzt unsere Feinde. Denn ihr habt Euch wie Feinde Simbabwes benommen und uns sehr verärgert."

brennende Farm in Simbabwe

Im Jahr 2000 erreichte die Vertreibung weißer Farmer ihren traurigen Höhepunkt.

Der Westen verhängte Sanktionen gegen Simbabwe, was Mugabe nutzte, um gegen eine angebliche neokolonialistische Verschwörung zu wettern.

Seine Politik brachte das Land an den Rand des Abgrunds. Die Arbeitslosigkeit stieg auf bis zu 90 Prozent, die Inflation auf über unvorstellbare 100.000 Prozent. Die einstige Kornkammer des Landes war auf Mais-Spenden von Südafrika angewiesen, damit die Simbabwer nicht verhungerten. Die flohen zu Hunderttausenden in die Nachbarländer auf der Suche nach einem besseren Leben.

Terror und Betrug

Bei der Wahl 2008 kassierte Mugabe eine Niederlage und ignorierte den Willen des Volkes. Er überzog das Land mit Terror. Am Ende kam es zu einer von Nachbarstaaten vermittelten Zwangskoalition mit seinem großen Rivalen Morgan Tsvangirai. Simbabwe stabilisierte sich. Doch bei der nächsten Wahl landete Mugabe wieder einen Erdrutschsieg, begleitet von lauten Betrugsvorwürfen. Mit 89 Jahren hatte er das Land fortan wieder fest in seinem eisernen Griff.

Doch dann beging er einen fatalen Fehler: Er wollte seine Frau Grace zu seiner Nachfolgerin machen. Für viele einflussreiche Generäle und Politiker war diese drohende Mugabe-Dynastie zu viel. Im November 2017 putschte das Militär. Seine Partei ZanuPF wandte sich gegen ihn und zwang Mugabe letztlich zum Rücktritt.  

Robert und Grace Mugabe | AP

Mugabe wollte seine Frau Grace als Nachfolgerin installieren. Bild: AP

Hunderttausende Simbabwer feierten auf den Straßen das Ende der Ära Mugabe. Sein politischer Ziehsohn Emmerson Mnangagwa wurde sein Nachfolger. Was Mugabe bis zu seinem Tod nicht verwinden konnte: "Ich hätte nie erwartet, dass er, den ich gefördert und in die Regierung gebracht habe, eines Tages der Mann sein würde, der sich gegen mich wendet."

"Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon gestorben bin"

Im persönlichen Gespräch konnte der Mann mit dem schmalen Schnurbart durchaus humorvoll und charmant sein. Konnte selbst über seinen angeblichen Tod noch schmunzeln:

Ich weiß gar nicht wie oft ich schon gestorben bin, wenn man den Europäern glauben schenkt. Ich bin gestorben, gestorben, gestorben. Auch als Toter bin ich immer wieder gestorben. Aber sie haben nie über meine Wiederauferstehung gesprochen."

"Ein zorniger, intoleranter Führer"

Für den Westen war Mugabe stets schwer zu fassen. War er nun ein Freiheitsheld und Versöhner? Oder ein brutaler, machthungriger Diktator? Beides, sagt Andrew Meldrum, der mehr als 20 Jahre als Journalist in Simbabwe gearbeitet hat: "Er hat unglaublich viel zum Ende der weißen Minderheitsregierung im damaligen Rhodesien beigetragen. Und er hat viel Druck auf das Apartheid-Regime in Südafrika gemacht, was mit zu deren Ende geführt hat", erklärt Meldrum.

Mugabe habe einige Triumphe gehabt. Aber auf der anderen Seite "ist da ein zorniger, intoleranter Führer, der das Land heruntergewirtschaftet hat. Man kann das eine nicht ohne das andere sehen. Beides gehört bei ihm zusammen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. September 2019 um 07:45 Uhr.