Eine angespülte Plastikflasche.  | Bildquelle: AFP

Schwedens Westküste Die Müllhalde Europas

Stand: 08.08.2019 01:55 Uhr

An Schwedens Westküste häufen sich 8000 Kubikmeter Plastikabfall pro Jahr. Er wird größtenteils von weit her angeschwemmt. Und eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht.

Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Bertil Widén gehört zu einer ganz besonderen Rentnertruppe in Bohuslän an Schwedens Westküste. Etwa zehn Frauen und Männer bilden den "harten Kern" freiwilliger Müllsammler, die den Kampf gegen eine buchstäbliche Flut von angespültem Abfall immer wieder neu aufnehmen und doch niemals gewinnen.

Schwedische Experten geben den Wind- und Strömungsverhältnissen im Skagerrak zwischen Nord- und Ostsee die Schuld an der Tatsache, dass dieser westliche Küstenabschnitt als "Müllhalde Europas" verschrieen ist. Jedes Jahr werden hier im Norden der Westküste etwa 8000 Kubikmeter Müll an Land gewaschen. Jetzt haben Mitarbeiter der Universität Göteborg genauer hingesehen. Sie haben sechs Strände untersucht und schlagen Alarm. Therese Karlsson ist eine von ihnen. Sie berichtete im schwedischen Sender SVT:

"Hier sind alte Tampen und jede Menge Plastikmüll: Flaschendeckel, Strohhalme, Reste von Seilen, wo immer das alles auch herkommt…"

"Auf der Insel Gåsö, wo wir diese Probe genommen haben, gibt es eine extrem hohe Konzentration von Mikroplastik, das sieht dann so aus wie ein ganz normaler Sandstrand."

Müll von weit her

Oft verraten die gefundenen Abfälle ihre Herkunft: Das meiste kommt tatsächlich von weit her. Einmal wurden viele Plastikabfälle gefunden, Verpackungsreste zum Beispiel, mit französischem Text darauf. Nach einem Bericht der Zeitung "Expressen" waren sie bei einem Hochwasser in Paris Jahre zuvor über die Seine in den Ärmelkanal gelangt und dann Richtung Nordsee und Skagerrak getrieben.

Häufiger finden sich aber englische Produktnamen oder, auch extrem unbeliebt, Reste von Chipstüten mit dänischem Aufdruck. So etwas belastet dann schon das nachbarschaftliche Verhältnis. Auch wenn Östen Nilén, ein anderer rüstiger Müllsammler, ganz sachlich ein paar Zahlen nennt:

"Allein in dieser Bucht sammeln wir pro Jahr ungefähr 500 Säcke mit Müll, heute waren es etwa 20. 90 Prozent des Abfalls ist Plastik, und das kommt zu 90 Prozent nicht aus Schweden, sondern über die Nordsee aus Schottland oder von den Shetlandinseln."

Kosten für die Entsorgung alleine hier: zwei Millionen Euro

Dänemark lässt er aus, wohl höflichkeitshalber. Und auch die Tatsache, dass viel Abfall aus dem eigenen Land von Touristen entweder liegengelassen oder ins Meer geworfen und zurück an Land geschwemmt worden ist. Es hilft ja auch nichts, sich über die Verursacher zu ärgern. Wichtiger ist, dass der Müll wegkommt. Umgerechnet knapp zwei Millionen Euro kostet das den Staat jedes Jahr allein in diesem Problemgebiet. Und das auch nur, weil viele Freiwillige wie Barbro Knutsson beim Saubermachen helfen.

"Mir macht das Sammeln viel Freude", sagt sie, "deshalb mache ich hier mit, so oft ich kann. Ich bekomme mein Geld ja vom Staat als Rentnerin, da hast du jede Menge Zeit für diese Arbeit hier." Und diese Arbeit wird trotz zunehmender Plastikverbote nicht wirklich weniger, sagt die Forscherin Therese Karlsson:

"Natürlich sind diese Verbote ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber es genügt nicht, Einwegprodukte aus Plastik durch Wegwerfware aus anderen Materialien zu ersetzen. Das schafft nur ähnliche neue Probleme. Wir müssen unser gesamtes Konsumverhalten hinterfragen."

Schwedens Westküste ist die Müllhalde Europas
Carsten Schmiester, ARD Stockholm
08.08.2019 00:55 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2019 um 05:50 Uhr.

Darstellung: