Die russische Flagge | dpa

Russland zu Afghanistan "Besser als die Kabuler Marionettenregierung"

Stand: 17.08.2021 09:35 Uhr

Seit Längerem hält Moskau Kommunikationskanäle mit den Taliban offen. Während die meisten anderen Länder Botschaften schließen, macht Russland weiter - und sieht das Scheitern des Westens in Afghanistan mit Genugtuung.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Die Bilder vom Chaos am Flughafen von Kabul dominierten gestern auch die russischen Nachrichten. Gleichzeitig erklärte Russlands Botschafter in Afghanistan, Dmitrij Schirnow, im Interview mit dem Staatssender Rossija24, dass die Lage in Kabul selbst ruhig sei. "Die Taliban beginnen sich in der Stadt anzusiedeln. Es gab keine Schüsse mehr. Unsere Botschaft wird bereits von den Taliban bewacht. Es gab einen Transfer: Das afghanische Militär ging, die Taliban traten an ihre Stelle", so Schirnow.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Während unter anderem Deutschland und die USA ihre Botschaften evakuieren ließen, hieß es von russischer Seite, dass ihre Botschaft in Kabul ihre Arbeit wie gewohnt fortsetzen werde. "Die Taliban haben uns bereits alle relevanten Versprechen gegeben. Hoffen wir, dass sie eingehalten werden", so der Botschafter.

Kontakt zu beiden Seiten

Seit Jahren schon unterhält Moskau Kontakte zu "beiden Seiten" - der nun vertriebenen afghanischen Regierung und den Taliban. Obwohl die Taliban in Russland als extremistische Organisation eingestuft und damit verboten sind, berichtete der Sonderbeauftragte des Präsidenten für Afghanistan, Zamir Kabulow, Ende Dezember 2015 von der Existenz sogenannter Kommunikationskanäle.

Mehrfach kamen Vertreter der Taliban seitdem zu Gesprächen nach Moskau - zuletzt vor gut einem Monat. Gestern erklärte Kabulow, dass Russland dadurch die Situation vor Ort sehr gut einschätzen könne und deswegen keinen Grund zur Besorgnis habe.

"Wir haben nicht umsonst all die Jahre Kontakte zur Taliban-Bewegung geknüpft, viele Punkte diskutiert und gesehen, dass dies eine Kraft ist, die, selbst wenn sie nicht vollständig an die Macht kommt, in Zukunft definitiv eine führende Rolle in Afghanistan spielen wird", Kabulow.

Keine Entscheidung über Anerkennung der Taliban

Über den konkreten Umgang Russlands mit den neuen Machtverhältnissen vor Ort, wollte der Sonderbeauftragte jedoch noch nichts sagen: "Die Anerkennung oder Nichtanerkennung hängt vom Verhalten der neuen Kräfte ab. Wir werden uns genau ansehen, wie verantwortungsvoll sie das Land in naher Zukunft regieren werden - und dann eine Entscheidung treffen."

Die Taliban seien sogar, so Kabulow weiter, bessere Partner "als die Kabuler Marionettenregierung". Ein Seitenhieb vor allem gegen den Westen, dessen Abzug in Moskau mit deutlicher Genugtuung betrachtet wird - auch weil die Sowjetunion seinerzeit selbst am Hindukusch gescheitert ist.

Nachbarländer in Sorge

In den Nachbarländern wächst unterdessen die Sorge vor einer weiteren Eskalation. So erklärte der Generalsekretär der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit OVKS, Stanislaw Sas, dass der Machtwechsel in Kabul erhebliche Auswirkungen auf die Situation in der zentralasiatischen Region haben könnte. Vor allem die Lage an der tadschikisch-afghanischen Grenze verfolge man sehr aufmerksam.

Zuletzt hatten tadschikische, russische und usbekische Militärs an dieser Grenze ein gemeinsames Manöver abgehalten. Derzeit sei die Lage stabil. Sollte es aber zu Angriffen vonseiten der Taliban kommen, werde man die Bündnispartner der OVKS zu Hilfe rufen – und somit auch Russland, das sich schon jetzt als Schutzmacht für die Region in Position bringt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. August 2021 um 07:02 Uhr.