Eine Reihe von Zeltunterkünften auf der griechischen Insel Lesbos. | Bildquelle: REUTERS

Notunterkünfte auf Lesbos "Kein Essen, keine Toiletten, kein Wasser"

Stand: 13.09.2020 14:06 Uhr

Die ersten Flüchtlinge aus dem Moria-Lager beziehen neue Notunterkünfte auf Lesbos. Doch der Platz reicht nicht, und es mangelt an vielem. Mit Schnelltests wollen die Behörden verhindern, dass sich Corona weiter ausbreitet.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Athen, zurzeit Lesbos

Erst einmal sind Familien dran: Flüchtlingsfamilien mit kleinen Kindern. Viele stammen aus Afghanistan oder aus Afrika. Sie bekommen die ersten Plätze in den Zelten, die die griechische Armee und das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hier aufbauen.

Mehrere hundert Zelte stehen schon. Planierraupen ebnen das Gelände auf dem ehemaligen Schieß-Übungsplatz ein, um noch mehr Zelte aufzustellen.

Es mangelt an allem

Aber es gibt auch Streit unter den Flüchtlingen: "Da oben sind welche, die wollen uns aufhalten. Die sagen: Geht nicht in das neue Lager", beschwert sich ein junger Afrikaner. Ja, manche der Flüchtlinge wollen nicht wieder eingesperrt werden in einem Lager, in dem es an allem mangelt: "Kein Essen, keine Toiletten, kein Wasser, kein Strom, kein Internet", klagt Bismillah, ein 23-jähriger Afghane.

Das Internet ist so wichtig, weil es die einzige Verbindung zur Außenwelt ist. Wegen der Corona-Maßnahmen werden die Flüchtlinge auch das neue Lager nicht verlassen dürfen. "Ich will da nicht rein. Das neue Lager sieht doch genauso schlimm aus. Ich war acht Monate in Moria, jetzt vielleicht acht Monate dort. Da werde ich verrückt", sagt Bismillah. Wenn andere da reinwollen, sollten sie das tun. Er gehe da nicht hin.

"Wir wollen weg aus Lesbos"

Immer wieder schließen sich Hunderte der obdachlosen Flüchtlinge an der Landstraße bei Moria zusammen und rufen in Sprechchören: "Wir wollen Freiheit, wir wollen weg aus Lesbos". Aber die griechische Regierung bleibt bei ihrem Kurs: Alle Flüchtlinge sollen auf der Insel Lesbos bleiben, alle sollen in neue Lager.

Wenn die Regierung dem Drängen nachgeben würde und Flüchtlinge aufs Festland oder in andere EU-Länder ließe, so fürchtet Migrationsminister Mitarakis, dann könnte das Beispiel Moria Schule machen, und zwar in den anderen Elendslagern auf anderen griechischen Inseln - wie Samos oder Chios. Dann könnten auch dort unter den Flüchtlingen Unruhen ausbrechen; vielleicht würden manche sogar Feuer legen, fürchtet Migrationsminister Mitarakis und will keinen Flüchtling von der Insel lassen.

Schnelltests für Lagerbewohner

So stellen sich Tausende der obdachlosen Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager Moria in die langen Schlangen an, um sich für einen Platz im neuen Lager registrieren zu lassen. Bevor sie reindürfen, müssen sie sich einem Corona-Schnelltest unterziehen. Schließlich war im alten Lager Moria Corona ausgebrochen.

35 Lagerbewohner waren positiv getestet worden, sind aber nach dem Brand in Moria untergetaucht. Manos Logothetis vom Migrationsministerium ist sicher, alle Corona-Infizierten zu finden: "Die staatliche Gesundheitsorganisation ist hier, wir haben hier ein Labor für Corona-Schnelltests eingerichtet; wir haben eine Isolierstation im neuen Lager, die Polizei bewacht alles. Wir haben alles unter Kontrolle."

Flüchtlinge aus dem zerstörten Lager in Moria schlafen auf einer Straße. | Bildquelle: REUTERS
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Flüchtlinge aus dem zerstörten Lager in Moria schlafen am Rande einer Straße auf Lesbos.

Sieben Flüchtlinge wurden bereits gestern positiv auf Corona getestet. Sie werden jetzt in der Isolierstation betreut, teilten die Behörden mit. Andere Flüchtlinge richten sich in den Zelten im neuen Lager ein. Aber der Platz wird nicht reichen. Tausende werden auch die kommende Nacht wieder unter freiem Himmel verbringen müssen, die meisten am Rand der Landstraße nach Moria.

Erste Flüchtlinge ziehen in neues Lager auf Lesbos ein
Thomas Borman, ARD Istanbul, zzt. Lesbos
13.09.2020 12:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. September 2020 um 13:10 Uhr.

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