Flüchtlinge appellieren nach dem verheerenden Brand im Lager von Moria an die EU. | Bildquelle: DIMITRIS TOSIDIS/EPA-EFE/Shutter

Aufnahme von Flüchtlingen Der große Moria-Irrtum

Stand: 15.09.2020 06:45 Uhr

Deutschland müsse noch viel mehr Flüchtlinge aus Moria aufnehmen - da sind sich viele einig. Doch so einfach ist es nicht. Denn die Flüchtlinge aus Moria werden die Insel Lesbos vorerst nicht verlassen dürfen.

Von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Viele der obdachlosen Flüchtlinge von Moria demonstrieren jeden Tag auf der Straße. Ein junger Afghane sagt: "Alle hier wollen Freiheit, wollen nach Europa. Keiner will hier bleiben und in ein neues Lager gehen." Auf der anderen Seite wollen viele deutsche Politiker Flüchtlinge aus Moria aufnehmen.

Aber: Der Traum der obdachlosen Flüchtlinge von Moria, bald ein neues Leben in Deutschland anfangen zu können, wird nicht wahr werden. Denn die griechische Regierung will keinen einzigen Flüchtling aus Moria ausreisen lassen. Das hat gestern Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis zum wiederholten Mal klargestellt. Auch wenn die Untersuchungen zur Ursache des Feuers von Moria noch nicht abgeschlossen sind, ist für Mitsotakis klar:

"Es besteht kein Zweifel, dass Moria von einigen hyperaktiven Flüchtlingen und Migranten verbrannt wurde, die die Regierung erpressen wollten, indem sie Moria niederbrannten und ihre sofortige Umsiedlung von der Insel forderten."

Griechische Regierung will hart bleiben

Aber die griechische Regierung lasse sich nicht erpressen, so Mitsotakis. Deshalb müssten alle 12.000 Migranten auf der Insel Lesbos bleiben und sich in das neue, provisorische Lager einquartieren lassen.

Migrationsminister Notis Mitarakis wird deutlich: Wenn einige Leute denken, sie könnten hier einen Aufruhr organisieren, bekämen dann Asyl und könnten dann in ein anderes europäisches Land, dann irrten sie. Wenn sie das durchgehen lassen würden, so der Minister, könnte das andere ermuntern, sie nachzuahmen.

Moria nicht das einzige Elendslager

Moria war nämlich nicht das einzige Elendslager in Griechenland. Auf den Inseln Samos, Chios, Kos und Leros drängen sich ebenfalls Tausende Flüchtlinge in überfüllten Lagern, auch dort hausen viele unter Plastikplanen oder selbst gezimmerten Hütten aus Holzpaletten.

Die Regierung befürchtet, auch dort könnten verzweifelte oder radikalisierte Lagerbewohner Feuer legen, wenn das Beispiel Moria Schule machen würde. Um genau das zu verhindern, wird die griechische Regierung keinen einzigen Flüchtling aus Moria ausreisen lassen. 

So wird Deutschland aus Moria auch keinen einzigen Flüchtling aufnehmen können.

Gespräche zwischen Mitsotakis und Merkel

Offenbar gab es genau darüber auch schon Gespräche zwischen Griechenland und Deutschland auf höchster Ebene. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis sagte, er habe sich bei Kanzlerin Merkel am Telefon dafür bedankt, dass Deutschland minderjährige Flüchtlinge aufnimmt - und:

"Ich habe mit der Kanzlerin darüber gesprochen, wie uns Deutschland noch stärker unterstützen könnte. Möglich wäre, dass Deutschland Familien aufnimmt, die ihr Asylverfahren hier bereits abgeschlossen haben und anerkannt sind." 

Diese Familien leben allerdings weder auf der Insel Lesbos noch in einem der überfüllten Flüchtlingslager auf anderen griechischen Inseln, sondern meist in der Hauptstadt Athen. Sie haben Asyl in Griechenland bekommen, durften die Lager verlassen und wurden dann weitgehend ihrem eigenen Schicksal überlassen.

Griechenland hofft trotzdem auf Deutschland

Griechenland sieht sich mit diesen Flüchtlingen von den anderen EU-Ländern im Stich gelassen und ist offensichtlich überfordert, die vielen anerkannten Flüchtlinge zu versorgen. Manche von ihnen, auch Eltern mit kleinen Kindern, leben in Athen auf der Straße.

Offenbar hofft die griechische Regierung, dass Deutschland von diesen Flüchtlingen einige übernimmt, die Flüchtlinge von Moria aber müssen auf der Insel Lesbos bleiben, bis ihre Asylverfahren bearbeitet sind.

Der Moria-Irrtum: Aus Moria wird niemand nach Deutschland kommen
Thomas Bormann, ARD Athen
15.09.2020 00:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. September 2020 um 06:26 Uhr.

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