Passantin auf der Piazza Navona in Rom | Bildquelle: ANSA/MASSIMO PERCOSSI/EPA-EFE/Sh

Harter Lockdown "Modello Merkel" für Italien?

Stand: 16.12.2020 11:59 Uhr

Endlich wieder in die Bar, endlich wieder shoppen. Doch die Lockerungen dürfte Italiens Regierung wieder einkassieren, zu groß war der Ansturm. Rom blickt nach Berlin und findet, dass die Kanzlerin alles richtig macht.

Von Elisabeth Pongratz, ARD-Studio Rom

Deutschland wählt den Weg des harten Lockdowns. Kaum ist diese Entscheidung in Berlin bekannt gegeben, ist es überall Thema in den Nachrichten. Es sind gerade die ersten Tage weitgehender Lockerungen in Italien. Wochenlang hatten die Menschen in einem Großteil des Landes ihre Wohnung kaum verlassen dürfen. Geschäfte, Restaurants und Schulen waren weitgehend geschlossen.

Nun kam am vergangenen Wochenende der Alltag etwas zurück. In Mailand, Rom, Neapel strömten die Menschen in die Einkaufsstraßen, vielerorts war kein Durchkommen mehr, so voll war es. 

Blick in eine Fußgängerzone in Mailand
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Volle Bars, volle Geschäfte - nach wochenlangen Schließungen hatte Italien wieder Lockerungen zugelassen. Menschenmassen waren am Wochenende vor allem in den Städten unterwegs.

Angst vor einer dritten Welle

Viele Politiker wurden dadurch aufgeschreckt, so auch Gesundheitsminister Roberto Speranza: "Wir müssen Ansammlungen unbedingt vermeiden. Es ist legitim, dass die Menschen in diesen Stunden Einkäufe erledigen und dass sie herumgehen. Aber Ansammlungen müssen wir vermeiden."

Nicht öffnen, sondern schließen müsse man. "Merkel hat es gut gemacht", sagt Speranza dem "Corriere della Sera". Es ist diese Angst vor einer dritten Ansteckungswelle, die viele umtreibt. Deutschland als Vorbild für einen harten Kurs, jetzt, so kurz vor Weihnachten. Der Begriff "modello Merkel" macht die Runde.

Lockdown - erstmals in Italien

Erstaunlich sei dies, meint Tobias Mörschel, der Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom: "Auch wenn vieles verkehrt gelaufen ist in Italien, der Modellcharakter wurde in Italien entwickelt, ganz grundsätzlicher Art. Der Lockdown ist erstmals in Italien außerhalb Chinas eingeführt worden, in einem demokratischen Land. Italien hat es geschafft, eine differenzierte Lockdown-Strategie im Oktober und November auf den Weg zu bringen. Diese differenzierte Antwort hat zu großen Erfolgen geführt. In den Regionen, wo stark heruntergefahren worden ist - in der Lombardei und im Piemont - gibt es kaum Neuinfektionen."

"Den Stier bei den Hörnern greifen"

Insgesamt sind die Zahlen immer noch sehr hoch, gerade auch bei den Todesopfern. Mehr als 65.000 Menschen sind an dem Coronavirus gestorben, dreimal so viele wie in Deutschland.

Nun könnten die Regeln wieder verschärft werden. Regierungschef Conte spricht von einem Plan, an dem man arbeite. Doch manche sträuben sich, denn schon jetzt sind die wirtschaftlichen Folgen für immer mehr Menschen verheerend. Eine dritte Infektionswelle darf es aber nicht geben.

Viele sehen es so wie der Astrophysiker Roberto Battiston: "Das, was Merkel in Deutschland gemacht hat, den Lockdown in der Weihnachtszeit, ist: den Stier bei den Hörnern greifen. Wir müssen exakt dasselbe machen."

Harter Lockdown zum Fest?

Für die Weihnachtstage und Neujahr hat Italien bereits strenge Regeln erlassen. Die Menschen dürfen ihre Gemeinde nicht verlassen, zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Januar müssen sie in ihrer Region bleiben. Nun wird ein kompletter Lockdown an den Feiertagen nicht ausgeschlossen, so wie in Deutschland.

Die Entscheidungen dort prägen auch Entscheidungen in Italien - wie so oft, meint Tobias Mörschel: "Was macht Deutschland, wie verhält sich Deutschland? Es ist ein starkes Sich-orientieren. Man kann aber auch sagen, manchmal auch ein Abarbeiten an der deutschen Politik, am deutschen Auftreten. Italien nimmt Deutschland als Referenzpunkt ganz grundsätzlich wahr."

Lockdown in Deutschland - "Modello Merkel" für Italien?
Elisabeth Pongratz, ARD Rom
16.12.2020 11:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. Dezember 2020 um 13:12 Uhr.

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