Das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis" im Mittelmeer | Bildquelle: AFP

Streit um Mittelmeer-Erdgas Keiner hat recht, keiner liegt falsch

Stand: 11.09.2020 15:03 Uhr

Der Streit um die Bodenschätze im Mittelmeer ist vertrackt. Sowohl die Türkei als auch Griechenland erheben Anspruch - und das zumindest zum Teil auch zurecht.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Weil die Türkei und Griechenland sich offen militärisch bedrohen, wollten die Europa-Abgeordneten nach einem Ausweg suchen. Beide Seiten sollten in einer Videoschalte zu Wort kommen - zuerst Griechenlands Außenminister Nikos Dendias.

Die Türkei drohe auf höchster Ebene mit Krieg, erklärte er, nur weil Griechenland seine legitimen Rechte wahrnehme. Der türkische Außenminister konterte, warum immer die Türkei ihren guten Willen zeigen müsse, warum nicht Griechenland?

Konflikt schwelt seit rund zehn Jahren

Die Positionen liegen weit auseinander. Seit vor rund zehn Jahren im östlichen Mittelmeer große Gasvorkommen entdeckt wurden, gibt es Streit um die Frage, wer sie fördern darf. Die Türkei erhebt Anspruch auf die Bodenschätze: Sie lägen ja vor der eigenen Küste, heißt es in Ankara.

Weil in dem Gebiet aber auch viele griechische Inseln liegen - wie Lesbos, Kos und Samos - beansprucht Griechenland für jede Insel eine exklusive Wirtschaftszone von 200 Seemeilen. Und damit auch die Bodenschätze.

"Beide haben recht"

"Beide haben recht - und deshalb haben beide nicht vollkommen recht", sagt Günter Seufert, Leiter des Centrums für angewandte Türkeistudien in Berlin.

Griechenland habe insofern recht, dass die Inseln in der Ägäis und im Mittelmeer einen Festlandsockel besitzen und deshalb die Fähigkeit hätten, eine exklusive Wirtschaftszone zu etablieren, sagt Seufert.

Genau dieses Recht spricht die Türkei den griechischen Inseln ab und geht damit auf Konfrontationskurs, auch gegen die maßgeblichen Kommentare zum internationalen Seerecht.

Allerdings sei die türkische Position in einem anderen Punkt stärker als die griechische, betont Seufert: Wenn die griechische Position ungehindert zur Anwendung kämme, wäre die Türkei - trotz ihrer großen Küstenlänge im östlichen Mittelmeer und trotz ihrer großen Landmasse - eigentlich von der Nutzung der Energiereserven im östlichen Mittelmeer ausgeschlossen. "Das widerspricht einem anderen Prinzip des internationalen Rechts, nämlich der Fairness", meint er.

Landet der Streit vor dem Internationalen Gerichtshof?

Da die Ansprüche sich überschneiden, sehen unabhängige Experten die einzige Lösung in Verhandlungen. Der Fall könnte auch vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gebracht werden.

Griechenland ist damit einverstanden. Aus der Türkei kommen widersprüchliche Signale, mal wird Den Haag für nicht zuständig erklärt, dann wieder doch.

Türkei und Griechenland auf Kollisionskurs - wer hat Recht?
Helga Schmidt, ARD Brüssel
11.09.2020 14:30 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 11. September 2020 um 15:48 Uhr.

Korrespondentin

Darstellung: