Papst Franziskus eröffnet die Konferenz gegen Missbrauch in der katholischen Kirche | Bildquelle: AFP

Anti-Missbrauchskonferenz Die schwierige Suche nach einer Lösung

Stand: 22.02.2019 14:48 Uhr

Am zweiten Tag ihrer Konferenz haben die Kardinäle über konkrete Maßnahmen diskutiert, wie sich Missbrauch künftig verhindern lässt. Vor allem ein Vorschlag aus Chicago sorgt für Gesprächsstoff.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Studio Rom

Der schmucklose Raum erinnert an einen Hörsaal. Bischöfe und Kardinäle aus aller Welt verteilen sich wie Studenten im weiten Rund. Vorne sitzt der Papst und zwei Plätze rechts von ihm, der deutsche Jesuitenpater Hans Zollner. Er soll bei dieser Anti-Missbrauchskonferenz dafür sorgen, dass die Stimme der Opfer nicht überhört wird.

Den Opfern eine Stimme geben

Bei den morgendlichen Andachten zitiert Zollner aus Berichten von Überlebenden: "Da heißt es: 'Als ich von einem Priester missbraucht wurde, ließ mich die Kirche allein, sie haben sich alle versteckt und ich habe mich noch einsamer gefühlt.'" Pater Zollner ist ein weltweit gefragter Experte im Kampf gegen den Missbrauch, er hat diese Konferenz mit vorbereitet und hofft, dass das Erschrecken über den Missbrauchsskandal auch Konsequenzen hat.

"Das wird nicht magisch alles in dreieinhalb Tagen zu ändern sein, man wird nicht für alles eine Lösung haben. Aber ich bin schon der Überzeugung, dass wir auf einem anderen Bewusstseinsstand jetzt reden und dass der Wille zur Veränderung deutlich kommuniziert wird."

Kontrolle? Mangelhaft

Sexueller Missbrauch von Minderjährigen ist immer auch Machtmissbrauch. Die katholische Kirche ist streng hierarchisch organisiert: Jeder Bischof ist für seine Diözese verantwortlich, jeder Priester für seine Gemeinde. Gewaltenteilung? Fehlanzeige. Kontrolle? Mangelhaft. All das begünstigt Missbrauch und erleichtert es, diesen zu vertuschen.

Michael Schramm, ARD Rom, zum Ablauf und Aufarbeitung der Fälle
tagesschau24 11:00 Uhr, 22.02.2019

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Ein globales Problem

Am zweiten Tag der Anti-Missbrauchskonferenz diskutieren die Bischöfe darüber, wie sich Kirche verändern muss. Kardinal Oswald Gracias, Erzbischof von Bombay, fordert mehr Gemeinschaftssinn unter den Bischöfen.

"Kein Bischof kann mehr sagen: Das Missbrauchsproblem betrifft mich nicht, weil das in meinem Erdteil anders ist. Das ist nur ein Problem in den USA, Europa oder Australien. Das ist einfach nicht wahr. Das ist auch in Afrika und Asien ein Problem. Und wir alle hier sind gemeinsam verantwortlich, das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Geistliche in der ganzen Welt anzugehen." 

Auch Laien an Verfahren beteiligen

Was tun, wenn ein Bischof wissentlich einen Missbrauchstäter deckt und schützt, seine Taten vertuscht? Kardinal Blace Cupich, Erzbischof von Chicago, plädiert dafür, solche Bischöfe zur Rechenschaft zu ziehen. Kirchenrechtlich ist das bereits möglich. An den Verfahren gegen Bischöfen sollen auch Laien, also Nicht-Theologen beteiligt werden.

"Die Geschichte der letzten Jahrzehnte zeigt doch, dass die einzigartige Perspektive von Laien, Müttern und Vätern, die Kirche in einer so profunden Art und Weise über diese Tragödie aufklärt, dass jeder Weg, der Laien ausschließt, die Kirche beschädigt und Gott entehrt."

Nach Cupichs Vorschlag soll der Metropolitan-Erzbischof gegen jeden Bischof seiner Provinz ermitteln können, wenn dieser im Umgang mit Missbrauchsfällen in seinem Bistum versagt hat oder selbst Missbrauchstäter war. Voraussetzung ist, dass glaubwürdige Beschuldigungen vorliegen und die Bischofskongregation im Vatikan der Ermittlung zustimmt. Er sprach sich dafür aus, dass die Kirche ihren Ansatz beim Kinderschutz "radikal verändert".

Verärgerung über Franziskus

Für einen Kardinal deutliche Worte. Doch werden diesmal den Worten auch Taten folgen? Missbrauchsopfer, die sich gerade in Rom aufhalten, sind da skeptisch. Sie haben nämlich auch die Worte gehört, die Papst Franziskus vor Beginn der Konferenz, am Mittwoch in der Generalaudienz gesprochen hat. Da beklagte er, dass es Menschen gebe, die die Kirche nur kritisierten:

"Man kann nicht leben, indem man die Kirche ständig anklagt. Wer ist der große Ankläger in der Bibel?  Der Teufel. Und die, die ständig anklagen, sind, ich sage nicht Kinder, aber Verwandte, Freunde des Teufels."

Auch wenn der Papst dabei gar nicht über die Missbrauchskonferenz sprach: Opfervertreter, die der Kirche und ihren Vertretern Versagen vorwerfen, haben die Kritik von Franziskus auf sich bezogen und als Beleg für die Reformunfähigkeit der katholischen Kirche gewertet.

Muss sich die Kirche neu erfinden?
Tillmann Kleinjung, ARD Rom
22.02.2019 14:04 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Februar 2019 um 22:15 Uhr.

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