Der Screenshot zeigt die Szene aus einem Internetvideo, in dem ein Polizist in Minneapolis einem Schwarzen, der am Boden liegt, sein Knie auf den Hals drückt. | AFP

Tod eines Schwarzen in Minneapolis Polizist verhaftet und angeklagt

Stand: 29.05.2020 20:40 Uhr

Vier Tage nachdem in Minneapolis ein Schwarzer nach einem brutalen Polizeieinsatz gestorben war, wurde einer der beteiligten Beamten angeklagt. Der Vorfall hat zu schweren Ausschreitungen in mehreren Städten geführt.

Nach dem Tod des Schwarzen George Floyd infolge eines brutalen Einsatzes der Polizei ist einer der Beamten des Mordes und Totschlags festgenommen und angeklagt worden. Das gab der zuständige Bezirksstaatsanwalt Mike Freeman bekannt. Bei dem Beschuldigten handelt es sich um den Polizisten, der Floyd mit dem Knie auf dessen Hals zu Boden gedrückt und auch nicht nachgelassen hatte, obwohl der 46-Jährige wiederholt beklagt hatte, keine Luft zu bekommen. Kurz darauf war Floyd in einem Krankenhaus gestorben.

So schnell habe seine Behörde in einem vergleichbaren Fall noch nie eine Anklage erhoben, normalerweise dauere das mehrere Monate, sagte Freeman.

An dem Einsatz waren insgesamt vier Polizisten beteiligt gewesen. Alle wurden direkt nach Bekanntwerden des Vorfalls entlassen. Die Fälle der anderen drei anderen Beamten würden noch untersucht, so Freeman weiter.

Passantin veröffentlichte Video im Netz

Der Übergriff auf Floyd war durch ein Video öffentlich geworden, das eine Passantin von dem Polizeieinsatz aufgenommen und später ins Internet gestellt hatte. Es zeigt, wie der nun verhaftete Polizist sein Knie mehrere Minuten lang auf Floyds Hals drückt. Man hört Floyd um Hilfe flehen, bis er schließlich das Bewusstsein verliert. Die drei anderen Polizisten schauen zu.

Floyds Tod zog in mehreren US-Städten Proteste und teils schwere Ausschreitungen nach sich. In Minneapolis stürmten Demonstranten in der vergangenen Nacht eine Polizeiwache und legten dort Feuer, wie mehrere US-Medien berichteten.

Das Polizeirevier in Minneapolis wird von Demonstranten gestürmt | REUTERS

Aufgebrachte Demonstranten stürmten ein Polizeirevier in Minneapolis. Bild: REUTERS

Plünderungen und Zerstörung

Die Wache war wegen der Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizei evakuiert worden. Wütende Demonstranten hatten den Berichten zufolge die Fenster eingeschlagen, waren über Zäune geklettert und hatten Feuerwerkskörper angezündet. Vor dem Gebäude riefen Dutzende: "Keine Gerechtigkeit - kein Frieden" ("No Justice, no Peace").

Noch am Morgen protestierten in der Nähe Hunderte Menschen. Die Polizei erklärte daraufhin, die drei Blöcke rund um die Wache seien nun "aus Sicherheitsgründen" bis auf Weiteres für die Öffentlichkeit geschlossen.

Auf Fernsehbildern glichen einige Straßenzüge einem Kriegsgebiet: Zu sehen waren verwüstete, völlig ausgebrannte Gebäude und geplünderte Läden. Die Polizei ging mit Tränengas, Pfefferspray und Schlagstöcken gegen Demonstranten vor. Er habe Verständnis für den Schmerz und die Wut vieler Menschen. Aber die Gewalt und die Plünderungen seien nicht akzeptabel, sagte Bürgermeister Jacob Frey. Er forderte die Menschen in der Stadt in der Nacht erneut zur Ruhe auf.

Gouverneur mobilisiert Nationalgarde

Der Gouverneur des Bundesstaats, Tim Walz, hatte am Donnerstag die Nationalgarde mobilisiert und einen Notstand für Minneapolis und umliegende Gebiete ausgerufen. In seiner Anordnung hieß es, friedliche Demonstrationen seien weiterhin erlaubt.

Inzwischen hat sich die Lage in der Stadt für den Moment beruhigt: Hundertschaften der State Patrol, der Landespolizei und 500 Soldaten der Nationalgarde sind im Einsatz, bewachen Banken, Geschäfte und andere essentielle Einrichtungen.

Die Lage in der Stadt werde von ihnen sowohl am Boden als auch aus der Luft überwacht, erklärte die Nationalgarde. "Unsere Truppen sind dafür ausgebildet, Leben zu schützen, Eigentum zu bewahren und das Recht der Menschen auf friedliche Demonstrationen zu sichern."

Aufruf zum Gewaltverzicht

Auch Walz rief die Demonstranten eindringlich zum Gewaltverzicht auf. Probleme wie systematischer Rassismus müssten angegangen werden, dies könne aber nicht passieren, solange noch "Anarchie auf den Straßen herrscht", sagte er bei einer Pressekonferenz.

Walz sagte zu, dass die Justiz das Vorgehen der Polizisten schnell und fair untersuchen werde. Der Gouverneur teilte das Entsetzen über den Vorfall. "Das Kapitel, das diese Woche geschrieben wurde, ist eines unserer dunkelsten Kapitel."

Mit Blick auf die schwarze Gemeinde fügte er hinzu, diese wolle er als Weißer, der keine Diskriminierung erfahren habe, nicht bevormunden. Er verstehe, dass Misstrauen gegenüber den Sicherheitskräften auf den Straßen herrsche. "Aber ich bitte Sie, uns zu helfen." Die Straßen müssten wieder zu einem Ort werden, auf denen sich friedliche Demonstranten Gehör verschaffen könnten.

Feuer steigt über Gebäuden in Minneapolis in den Himmel | AFP

Viele Geschäfte wurden geplündert und zerstört. Bild: AFP

CNN-Team verhaftet

Am Rande der Proteste wurde auch ein Team des Nachrichtensenders CNN verhaftet. Der schwarze Reporter Omar Jimenez berichtete live, während er ohne Angabe von Gründen zusammen mit drei Mitarbeitern abgeführt wurde.

In der Live-Aufnahme war zu sehen, wie Jimenez die heranrückende Polizei wiederholt fragte, ob das Team seinen Standort ändern solle. "Wir können dahin zurückgehen, wohin ihr wollt. Wir sind gerade live. Wir sind zu viert, wir sind ein Team", sagte Jimenez. Kurz darauf wurde er ohne Angabe von Gründen festgenommen, dann auch sein Team. Die Polizei erklärte später, CNN-Mitarbeiter seien freigelassen worden, nachdem bestätigt worden sei, dass es sich um Medienvertreter handele.

Gouverneur Walz entschuldigte sich bei CNN. "Wir müssen sicherstellen, dass die Medien diese wichtigen Ereignisse berichten können." Die Sicherheit von Journalisten habe oberste Priorität.

Proteste auch in Louisville, Denver und New York

Auch in anderen US-Städten gingen Menschen auf die Straße, um gegen Polizeigewalt gegen Schwarze zu protestieren. Während viele Demonstranten bei friedlichen Protesten Gerechtigkeit für Floyd und eine Verurteilung der involvierten Polizisten forderten, kam es vereinzelt auch zu Gewalt.

In Lousiville wurden dabei sieben Menschen durch Schüsse verletzt, von wem ist noch unklar. In der Stadt war erst im März eine schwarze Frau bei einem Polizeieinsatz gestorben: Beamte hatten die unbewaffnete Frau bei einer Drogenrazzia in ihrem Bett erschossen. In ihrer Wohnung wurden keine Drogen gefunden.

Auch in Denver kam es zu Protesten. Örtliche Medien berichteten dort über Schüsse. Laut Polizei wurden zunächst keine Verletzten gemeldet. Proteste werden auch aus Phoenix gemeldet. In New York seien Hunderte Menschen zusammengekommen, es habe mehrere Festnahmen gegeben, schrieb die "New York Times".

Ausschreitungen in Minneapolis | REUTERS

Hunderte Menschen machten ihrer Wut über den Tod Floyds Luft. Bild: REUTERS

Obama wünscht sich "neuen Normalzustand"

Der frühere US-Präsident Barack Obama twitterte, für Millionen Amerikaner sei es auch im Jahr 2020 noch "schmerzhaft und zum Verrücktwerden 'normal', wegen ihrer Hautfarbe anders behandelt zu werden".

Es sei nun die Aufgabe aller Amerikaner, aber insbesondere auch der Sicherheitskräfte, gemeinsam einen neuen Normalzustand zu schaffen, in dem "das Erbe von Fanatismus und Ungleichbehandlung nicht mehr unsere Institutionen oder unsere Herzen vergiftet".

Trump gießt Öl ins Feuer

Zusätzlich angeheizt wurde die Situation durch US-Präsident Donald Trump, der am Donnerstag mit dem Einsatz von Schusswaffen durch das Militär drohte. "Diese Schläger entehren George Floyd und das werde ich nicht zulassen", schrieb er in einem Tweet, den Twitter als gewaltverherrlichend einstufte.

Er habe Gouverneur Walz versichert, dass das Militär an seiner Seite stehe, fügte Trump hinzu: "Wenn die Plünderungen losgehen, geht auch das Schießen los."

Mit Informationen von Julia Kastein, ARD-Studio Washington.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Mai 2020 um 20:00 Uhr.