Die Lake Street in Minneapolis nach einer Nacht mit gewaltsamen Protesten | AP

Ausschreitungen in Minneapolis "Hier geht es um Chaos"

Stand: 30.05.2020 22:35 Uhr

Nach dem Tod des Schwarzen Floyd in Minneapolis werden immer mehr US-Städte von Protesten und auch Gewalt erfasst. Minnesotas Gouverneur beklagte, den Demonstranten gehe es "nicht um George".

Der Tod des Schwarzen George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz lässt Minneapolis nicht zur Ruhe kommen: Auch in der vergangenen Nacht erlebte die Stadt trotz Ausgangssperre gewaltsame Proteste. Sicherheitskräfte und Demonstranten gerieten aneinander. Die Polizei setzte Tränengas und Blendgranaten ein. An mehreren Orten wurden Geschäfte geplündert. 

Gouverneur Tim Walz beklagte, dass Polizeibeamten beschossen wurden. "Hier geht es nicht um Georges Tod. Hier geht es um Chaos", sagte der Gouverneur mit Blick auf die Ausschreitungen. Dies sei der Versuch, die Zivilgesellschaft anzugreifen, Angst zu verbreiten und die großartigen Städte im Land zu zerstören. Walz machte außenstehende Kräfte für die Eskalation verantwortlich. 80 Prozent der Gewalttäter kämen nicht aus dem Bundesstaat. Sie seien gut organisiert und - wie der Gouverneur einräumte - taktisch den Sicherheitskräften überlegen.  

Der Gouverneur warnte, dass die Lage weiter eskalieren könnte - genau darauf würden es die gewalttätigen Protestierer anlegen. Sie wollten die mediale Aufmerksamkeit und seien auch bereit, Tote in Kauf zu nehmen.

Angesichts der Lage verkündete die Nationalgarde die Entsendung weiterer Einsatzkräfte. Insgesamt seien nun 1700 Soldaten vor Ort. Laut Nationalgarde ist es der größte Einsatz der Einheit in ihrer 164-jährigen Geschichte. US-Präsident Donald Trump bot den Behörden in Minnesota zudem die Hilfe des US-Militärs an. Es sei "bereit, willens und in der Lage", zu helfen. Die Truppen seien sehr schnell einsatzbereit, "wenn sie unser Militär überhaupt wollen."

Festnahmen in New York

Auch in anderen Städten der USA gab es in der Nacht teils heftige Proteste. In New York kam es in den Stadtteilen Manhattan und Brooklyn zu Ausschreitungen. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben mehr als 200 Menschen fest. Auf beiden Seiten soll es Verletzte gegeben haben.

In Portland im Bundesstaat Oregon verhängten die Behörden nach Plünderungen und Brandstiftungen inzwischen eine nächtliche Ausgangssperre. Das sei kein Mittel, sich für Veränderungen einzusetzen, sondern schlicht "widerwärtig", erklärte Portlands Bürgermeister Ted Wheeler per Twitter.

Bereits den Ausnahmezustand verhängt hatte die Großstadt Atlanta in Georgia, doch auch dort gingen Demonstranten wieder auf die Straße, Polizeiautos wurden in Brand gesetzt. Der Eingangsbereich des Senders CNN wurde belagert und komplett mit Grafiti beschmiert. Der Souvenirladen eines Museums und viele weitere Geschäfte wurden geplündert. Im kalifornischen Los Angeles wurden bei Protesten mehr als 500 Menschen zwischenzeitlich festgenommen - wegen Verdachts auf Plünderungen, Einbrüchen und versuchten Mord. Bei den Demos wurden laut Behörden sechs Polizeibeamte verletzt. In Oakland, ebenfalls in Kalifornien, wurde laut US-Medienberichten bei Protesten auf Polizisten geschossen, einer soll getötet worden sein.

Protest gegen Polizeigewalt in Portland/USA | AP

Bild: AP

In fast allen großen US-Städten hatten Zehntausende zunächst friedlich gegen Rassismus und Polizeigewalt und für Gerechtigkeit protestiert - bevor im Schutze der Dunkelheit gewaltbereite Gruppen übernahmen. Viele afroamerikanische Politiker und Prominente verurteilten das scharf.

Biden stichelt gegen Trump

Der designierte Präsidenschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, forderte in einer Videobotschaft einen entschlossenen Kampf gegen systematischen Rassismus.

Leute: Wir müssen aufstehen. Wir müssen uns bewegen. Wir müssen uns ändern.

In Anspielung auf die jüngsten Äußerungen des US-Präsidenten fügte er hinzu, in einer solchen nationalen Krise brauche Amerika keine "aufwieglerischen Tweets", sondern "echte Führung". Trump hatte sich auf Twitter in großer Schärfe geäußert und mit einem Einsatz des Militärs gegen Demonstranten gedroht.

Floyd-Familie will eigene Obduktion

Die inzwischen landesweiten Proteste hatten sich entzündet, nachdem George Floyd am Montag bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis gestorben war. Ein weißer Polizist hatte ihm minutenlang sein Knie in den Nacken gedrückt. Am Freitag dann wurde der Polizist festgenommen. Ihm wird Totschlag und fahrlässige Tötung vorgeworfen. 

Laut vorläufigen Erkenntnissen geht der Gerichtsmediziner beim Tod Floyds allerdings nicht von Ersticken aus. Der 46-Jährige habe an Gesundheitsproblemen gelitten, die gemeinsam mit der Festsetzung und möglichen Rauschmitteln im Blut vermutlich zum Tod geführt hätten, heißt es im Haftbefehl. In den letzten zwei Minuten und 53 Sekunden habe Floyd keine Lebenszeichen mehr gezeigt.

Die Anwälte der Floyd-Familie zweifelten die Ergebnisse an und kündigten laut US-Medien an, eine eigene Untersuchung bei einem bekannten Gerichtsmediziner in Auftrag geben zu wollen. Die beiden Anwälte von Floyds Familie sagten zum Obduktionsergebnis, man habe bereits in anderen Fällen gesehen, dass Menschen, die mit den Behörden zusammenarbeiteten, Dinge präsentierten, die eine "Illusion" seien. All diese Dinge wie Asthma oder Herzprobleme spielten keine Rolle, solange die Opfer leben, atmen, gehen, reden. Alles sei in Ordnung - bis sie mit der Polizei zu tun haben.

Mit Informationen von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Über dieses Thema berichtete am 30. Mai 2020 B5 aktuell um 06:32 Uhr und die tagesschau um 15:05 Uhr.