Mexiko Willkommenskultur Flüchtlinge | Bildquelle: dpa

Flüchtlinge in Mexiko Abschiebung statt Arbeitsvisum

Stand: 17.05.2019 11:22 Uhr

Jobs, Visa, freies Geleit Richtung USA - Mexikos Präsident López Obrador hatte Flüchtlingen viel versprochen. Davon ist kaum etwas übrig. Die Menschen leiden unter Gewalt und Willkür.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Schon vor seinem Amtsantritt im Dezember vergangenen Jahres breitete in Mexiko der gewählte Präsident Andres Manuel López Obrador die Arme weit aus: Migranten aus Mittelamerika hätten in dem Land nichts mehr zu befürchten. "Wer bei uns arbeiten will, wird Unterstützung und ein Arbeitsvisum bekommen", sagte López Obrador. "Wir werden der Angelegenheit nicht mehr nur mit Abschiebungen oder mit Gewalt begegnen."

Ein halbes Jahr später ist die Herzlichkeit verflogen. Mexiko schob im April drei Mal so viele Migranten ab wie im Dezember. Schauplatz der radikal veränderten Politik sind die Flüchtlingsunterkünfte an der Südgrenze Mexikos.

Lidia aus Guatemala zeigt Fotos ihrer ermordeten Cousine | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Lidia aus Guatemala mit einem Foto ihrer ermordeten Cousine. "Sie haben sie gefoltert, um rauszufinden, wo mein Vater ist."

In der Heimat drohen Folter und Tod

In einer der überfüllten Migrantenherbergen in dem Ort Tapachula halten sich die Guatemaltekinnen Lidia und Nelly von allen anderen Flüchtlingen fern. Zu groß sei ihre Angst vor den Mara-Mitgliedern, die vielleicht hier auftauchen könnten, sagen die Cousinen.

Maras - das sind die Jugendbanden, die Mittelamerikas arme Bevölkerung terrorisieren - haben von Nellys Vater in ihrer Heimat Guatemala Schutzgeld erpresst. Als der nicht mehr zahlen konnte, ermordeten sie Angehörige. Zuerst seine Nichte, die Cousine von Lidia und Nelly. Unter Tränen zeigen die beiden Handyfotos des toten Mädchens.

"Sie haben sie gefoltert, um rauszufinden, wo mein Vater ist", sagt Lidia. "Ich habe die Fotos bei der Totenwache gemacht. Zu ihrer konnten wir noch gehen, aber nicht zu der meines Cousins. Dann hätten sie uns auch erwischt." Ihren Cousin hätten die Maras am 5. Mai umgebracht. Noch in derselben Nacht seien sie geflohen. "Es tat mir weh, in dem Moment zu gehen. Aber bleiben, hätte meinen Tod bedeutet." So wie Lidia und Nelly geht es den meisten in der Herberge. Wie bereits 18.000 Menschen in den ersten Monaten dieses Jahres bitten die beiden jungen Frauen in Mexiko um Asyl. 

Migrationsbehörde in Tapachula | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Die Migrationsbehörde in Tapachula. 300.000 Migranten sollen Mexiko in den ersten drei Monaten des Jahres durchquert haben.

Soldaten und Polizisten suchen nach Migranten ohne Papiere

Schutz bekommen sie in der Flüchtlingsherberge, die von der katholischen Kirche betrieben wird. Aber sonst ist von der Gastfreundschaft Mexikos nicht viel übrig. Auf den Straßen Tapachulas patrouillieren jetzt Soldaten und Polizisten. Sie suchen Migranten ohne gültige Papiere. Im April wurde eine ganze Flüchtlingskarawane auf einer Landstraße verhaftet, nachdem sie von Tapachula mehr als 100 Kilometer durch die Hitze marschiert war.

Der Abschiebegefängnis des Ortes ist völlig überfüllt. Die Lebensbedingungen darin sind unmenschlich. Immer wieder gab es in den letzten Wochen Ausbrüche.

Trumps einschüchternde Drohung

In Tapachula, dem Nadelöhr für die Migranten, bekommt kaum noch jemand ein Arbeitsvisum. Der Praxis der Durchreisevisa bis zur US-Grenze setzte US-Präsident Donald Trump ein Ende. Zu einschüchternd war seine Drohung, die Grenzübergänge zu Mexiko zu schließen.

Vor der Migrationsbehörde in Tapachula warten täglich Hunderte Menschen, die darauf hoffen, wenigstens als Flüchtlinge anerkannt zu werden und in Mexiko bleiben zu dürfen.

Sandra López aus El Salvador | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Sandra López aus El Salvador bittet sie mit ihren drei Töchtern in Mexiko um Asyl. Ihr Ehemann wurde wahrscheinlich umgebracht.

Verschleppt und wahrscheinlich ermordet

Die 41-jährige Sandra López aus El Salvador ist eine von ihnen. Ihr Ehemann wurde von Maras verschleppt und wahrscheinlich ermordet. Nun bittet sie mit ihren drei Töchtern um Asyl.

Jetzt fühle sie sich sicher, sagt López. "Eigentlich wollte ich in die USA, aber vielleicht ist es hier besser. Mir gefällt Tapachula. Ich bekomme Hilfe von den Vereinten Nationen. Allerdings ist es schwierig, Arbeit zu finden. Viele Leute trauen uns Mittelamerikanern nicht."

Ab März blieben die Büros der Migrationsbehörde wochenlang geschlossen. Zu stark war der Ansturm nach den Versprechungen des neuen Präsidenten. Behörden und Hilfsorganisationen waren völlig überfordert. 300.000 Migranten sollen Mexiko in den ersten drei Monaten dieses Jahres nach offiziellen Angaben durchquert haben, sonst sind es etwa 400.000 im ganzen Jahr.

Padre Cesar Canaveral, Leiter Migrantenherberg Belén | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Padre Cesar Canaveral, Leiter Migrantenherberge Belén: "Die Regierung nimmt in Kauf, dass Tausenden Migranten auf ihrem Weg in den Norden etwas zustößt."

"Inhumane und unüberlegte Politik"

An dem, was derzeit geschieht, sei eine inhumane und unüberlegte Politik Schuld, meint Padre Cesar Cañaveral, der die katholische Herberge Belén leitet. "Die Regierung nimmt in Kauf, dass Tausenden Migranten auf ihrem Weg in den Norden etwas zustößt", so der Priester. "Erst sagt sie: 'Ich öffne die Tür, komm rein!' Aber wenn du jemanden hinein lässt, musst du doch auch ein Minimum an Versorgung gewährleisten können. Die Leute haben nichts zu essen."

Die Regierung befasse sich nicht mit den Fluchtursachen oder der Not der Menschen, so Cañaveral. "Wir dürfen das Humanitäre nicht aus den Augen verlieren. Aber wie lange halten wir das noch aus?"

Seine Gäste würden von nichts als Gewalt in ihren mittelamerikanischen Herkunftsländern Guatemala, El Salvador und Honduras berichten, sagt Cañaveral. Doch obwohl die Menschen um ihr Leben laufen, würden derzeit mindestens 90 Prozent der Asylanträge abgelehnt. Bis zu 15 Busse mit Abgeschobenen verließen Tapachula täglich Richtung Guatemala, berichtet der Geistliche. Den Herkunftsländern seien ihre Flüchtlinge egal.

Ähnliche Gefahren wie in den Herkunftsländern

Die beiden Cousinen Nelly und Lidia aus Guatemala glauben nicht, dass sich das jemals ändert. "Unsere Politiker schaffen das nicht. Es gibt einfach zu viel Bösartigkeit", sagt Nelly. "Es gibt zu viel Kriminalität und zu viele Verbrecher in Guatemala." Auch der aktuelle Präsident habe nichts verbessert. Es sei alles wie immer.

Mexikos Präsident nahm das freie Geleit bis zur US-Grenze mit der Begründung zurück, es gehe um die Sicherheit der Menschen. Wenn sie sich jedoch ohne Papiere auf den Weg nach Norden, in Richtung USA machen, sind sie ähnlichen Gefahren ausgesetzt wie in ihren Herkunftsländern - durch organisierte Kriminalität, Schleuserbanden und korrupte Beamte.

Mexiko: Ende der Willkommenskultur
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko-City
17.05.2019 08:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Mai 2019 um 05:41 Uhr.

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