Patronenhülsen in Mexiko | Bildquelle: dpa

Kriminalität in Mexiko Tod im Wahlkampf

Stand: 28.06.2018 11:06 Uhr

Mehr als 130 Politiker wurden bereits ermordet, 48 von ihnen waren Kandidaten für politische Ämter. Noch nie verlief ein Wahlkampf in Mexiko so blutig.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Zur besten Sendezeit zeigt das Fernsehen, wie ein Bürgermeisterkandidat erschossen wird. Der Moderator beschreibt die Bilder einer Überwachungskamera: "Man sieht, wie sich der Mörder dem Kandidaten von hinten nähert. Ohne irgendetwas zu sagen, holt er die Waffe raus und schießt ihm direkt in den Kopf. Dann geht er weg. Gefasst wurde er nicht. Die Bilder sind schlimm."

Die Bilder sind schlimm - und alltäglich in Mexiko. Mindestens 130 Politiker wurden im Wahlkampf ermordet, 48 waren Kandidaten für politische Posten, wie beispielsweise Bürgermeister. 29.000 Menschen kamen im vergangenen Jahr nach Behördenangaben durch Gewalt ums Leben.

Ein Soldat steht auf einer Straße in Mexiko | Bildquelle: AFP
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29.000 Menschen starben im vergangenen Jahr in Mexiko durch Gewalt.

Noch nie in der Geschichte war die Zahl so hoch. Doch die ersten Monate dieses Jahres haben alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt: Noch einmal ist die Zahl der Morde im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen. In Wahljahren nehme die Gewalt zu, sagen Experten, weil Wahlen Verunsicherung über künftige Machtkonstellationen auslösten.

Organisierte Kriminalität versucht Einfluss zu sichern

Es geht um viel Macht: 3406 politische Posten werden neu besetzt. Neben dem Präsidenten sind das Gouverneure, Parlamentarier, Senatoren und Bürgermeister. Die organisierte Kriminalität versucht, ihren Einfluss zu sichern - mit Erfolg, wie Parlamentsvizepräsident Arturo Santana meint:

"Ich glaube, dass die organisierte Kriminalität ihre Stimme bereits abgegeben hat: Sie bestimmen in Teilen des Landes, wer gewählt wird. Ich würde sogar sagen, dass eine Wahl, bei der die Politiker dieser extremen Gewalt ausgeliefert sind, in gewissen Regionen an Legitimität verliert."

In ländlichen Regionen sind organisierte Kriminalität und Staat oft ein und dasselbe. Erst vor wenigen Tagen wurde in einer kleinen Gemeinde im Bundesstaat Michoacán der Bürgermeister ermordet, der sich wiederwählen lassen wollte. Nach dem Mord wurden die 28 Polizisten des Ortes festgenommen. Aus Mangel an Beweisen sind sie inzwischen wieder auf freiem Fuß.

98 Prozent der Verbrechen werden nicht aufgeklärt

Möglich wird die Gewalt auch durch Korruption und Straflosigkeit. 98 Prozent der Verbrechen werden nicht aufgeklärt. Die Korruption durchdringt alles. Eduardo Rivera, Bürgermeisterkandidat in Puebla, meint, man dürfe sich gar nicht erst erpressbar machen.

Eduardo Rivera | Bildquelle: Anne-Katrin Mellmann
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Eduardo Rivera ist Bürgermeisterkandidat in Puebla.

"Wer sich weigert, mit der organisierten Kriminalität zu kooperieren, geht ein hohes Risiko ein. Viele haben deshalb ihr Leben verloren. Sie waren nicht bereit, Schutzgeld zu zahlen oder Informationen weiterzugeben. Der Staat darf keine Kompromisse machen, auch wenn man sich dadurch in Gefahr begibt."

Aber in Mexiko gilt häufig die einfache Regel: Wer nicht mitspielt, bekommt eine Kugel. In diesem Klima von Gewalt und Unsicherheit haben bereits etwa 1000 Kandidaten für politische Ämter aus Angst zurückgezogen. Nach der Wahl am Sonntag ist kaum Besserung zu erwarten: Alle vier Präsidentschaftskandidaten versprechen ein sicheres und friedliches Land, aber keiner hat überzeugende Ideen.

Mexiko: Tod im Wahlkampf
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko
28.06.2018 09:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 28. Juni 2018 um 18:09 Uhr.

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