Protest gegen Gewalt gegen Frauen in Mexiko-Stadt | Bildquelle: REUTERS

Femizid in Mexiko Ermordet, weil sie Frauen sind

Stand: 05.05.2018 12:24 Uhr

In Mexiko ist die Zahl ermordeter Frauen dramatisch hoch. Viele Taten zeichnet sich durch enorme Brutalität aus - Folge einer frauenverachtenden Kultur. Die Ohnmacht der Angehörigen ist groß.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko

Anali Molina trauert seit vier Monaten um ihre jüngere Schwester Andrea, seit dem Tag, an dem die Mutter sie in einem Leichenschauhaus fand. Dort lag sie schon fast zwei Monate. Zwei Monate, in denen die Familie verzweifelt nach ihr suchte.

Vor ihrem Verschwinden hatte die 27-jährige Andrea ihre beiden kleinen Kinder bei der Oma abgegeben. Dann war sie nicht mehr erreichbar. Noch wissen die Kinder nicht genau, was mit ihrer Mutter geschehen ist. Der dreijährige Sohn fragt immer wieder, wann sie komme, um ihn abzuholen. Und der älteren Tochter haben Oma und Tante erzählt, die Mutter sei bei einem Raubüberfall getötet worden. Seither ist das Mädchen in psychotherapeutischer Behandlung.

Ein bedrückender Verdacht

Der Mörder hatte Andrea zwei Mal in den Kopf geschossen und sie danach an den Straßenrand geworfen, wie einen toten Hund. Anali Molina und ihre Familie vermuten, dass der Freund der Täter ist. Seit dem Verschwinden der Schwester ist er abgetaucht.

Er solle sie geschlagen haben, erzählt Anali - "er hatte das Profil eines Mannes, der Frauen misshandelt". Von Anfang an sei alles schief gelaufen. Der Mann habe nicht gewollt, dass die Kinder, die aus einer früheren Beziehung ihrer Schwester stammten, bei ihnen wohnten und habe sie gezwungen, jeden Kontakt zur Familie abzubrechen - "was auch eine Art von Gewalt ist".

Als Sanitäter sie fanden, war Analis Schwester zwar noch am Leben, starb aber zwei Tage später in einer Klinik an den schweren Verletzungen. Obwohl die Familie eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatte, alle Suchmechanismen nutzte, die Mexiko in solchen Fällen aufbietet, stellte niemand eine Verbindung her. Zwei Monate lang tappte die Familie im Dunkeln.

Anali Molina (Bild: Mellmann)
galerie

Anali Molina suchte monatelang nach ihrer verschwundenen Schwester

Schutzkonzepte wirken nur langsam

Alarmsysteme, Such- und Schutzprogramme für Frauen seien gut, aber noch nicht gut genug, meint Staatsanwältin Dilcya Garcia:

"Obwohl wir uns seit Jahren große Mühe geben, sehen wir erst jetzt Ergebnisse. Was wir bislang erreicht haben, ist eine Eindämmung der Gewalt, Schadensbegrenzung. Vor uns liegt noch viel Arbeit."

Garcia ist seit 2014 Chefin der Staatsanwaltschaft für Feminizide - Frauenmorde - im bevölkerungsreichen Bundesstaat Estado de Mexico, der an die Hauptstadt angrenzt. In ihm wurde Andrea Molina ermordet, immer wieder führt dieser Bundesstaat die Frauenmordstatistik an.

Die Kultur ändert sich nicht

Seit 2011 steht der Feminizid, der geschlechtsspezifische Mord, als Straftat im Gesetz. Die Zahl der Morde sinkt deshalb aber nicht. Gesetze seien wichtig, so die Sonderstaatsanwältin, aber die Gesellschaft hinke hinterher:

"Zweifellos muss sich unser kulturelles Rollenbild ändern. Der Wetterbericht wird ja auch nicht von einem Mann in Badehose präsentiert. Aber Frauen werden fast halbnackt vor die Kamera gestellt. Heute fragen die Kinder 'Stimmt das wirklich, dass die Frauen früher nicht wählen durften oder Homosexualität verboten war?' Was wir erreichen wollen, ist dass die Kinder fragen: 'Gab es das wirklich, dass Frauen umgebracht wurden, weil sie Frauen sind?'"

Eine Frau protestiert in Mexiko gegen die Bagatellisierung von Gewalt gegen Frauen. | Bildquelle: AFP
galerie

Schluss mit der Bagatellisierung der Gewalt: Frauenprotest in Mexiko-Stadt

Mehr als sieben Morde pro Tag

In Mexikos Machokultur werden Frauen verachtet und diskriminiert. Es ist eine Kultur, in der seit 2006 8880 Frauen verschwunden sind und in der jedes Jahr Tausende ermordet werden. 2016 waren es nach einem Bericht der Vereinten Nationen 2746.

Derselbe Bericht konstatiert eine zunehmende Brutalität: In fast 50 Prozent der Fälle werden die Frauen erschossen, so wie die Schwester von Anali. Sie werden erwürgt, erhängt, erstochen und zerstückelt. Mitschuld sei eine Justiz, die nicht aufkläre, sondern verschleiere, beklagt die Feminizid-Spezialistin und Chefin von Amnesty International Mexiko, Tania Reneaum:

"Bei uns gibt es Straflosigkeit, und das schickt starke Botschaften: Der Staat unternimmt nichts, was Täter abschrecken könnte. Sie können ihre Wut und Frustration angesichts der veränderten Geschlechterrollen ausleben und ihre Partnerinnen umbringen, ohne dass es Konsequenzen hat. Straflosigkeit zeigt die Schwäche des Staates und seine Machostrukturen. Er versucht gar nicht erst, der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Wir müssen damit leben, dass Frauen extrem diskriminiert werden."

Hohe Aufklärungsrate?

Die nationale Beobachtungsstelle für Frauenmorde schätzt optimistisch, dass 40 Prozent der Verbrechen aufgeklärt werden. Das ist sensationell viel im Vergleich zu den nur zwei Prozent der anderen Verbrechen in Mexiko, die aufgeklärt werden, weil Korruption, Inkompetenz und Ineffizienz die Ermittlungen behindern.

Bei Gewalt gegen Frauen ist die Dunkelziffer hoch: Kaum ein Opfer wendet sich an die Polizei, weil klar ist, dass eine Anzeige wenig bringt. Am Ende muss die Frau beweisen, den männlichen Täter nicht provoziert zu haben, durch einen kurzen Rock etwa oder weil sie abends allein unterwegs war.

Erst vor kurzem schockierten der Fall der 19-jährigen Mara Castilla und die Reaktion darauf: Als sie allein aus einer Bar kam und sich auf den Heimweg machte, wurde sie von einem Taxifahrer entführt, vergewaltigt und ermordet. Ein Universitätsrektor meinte daraufhin öffentlich: Die Frauen seien selbst Schuld an solchen Verbrechen, weil sie so freizügig lebten.

Verletzlich durch Geschlecht

Anali Molina geht nie allein auf die Straße, und das nicht erst seit dem Verschwinden ihrer Schwester:

"Frau-Sein macht dich verletzlich, einfach nur, wenn du rausgehst. Es gibt viel Gewalt, weil sich Männer immer noch überlegen fühlen. Auch wenn wir Frauen versucht haben, gleichberechtigt zu leben, fehlt uns immer noch viel, und Männer fühlen sich in allem überlegen. Wir Frauen haben das Problem, dass wir den Respekt nicht einfordern und nicht glauben können, dass wir die Dinge besser machen können als Männer. Viele von uns werden dazu erzogen, dem Mann zu dienen."

Sie kenne viele Fälle von Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden. Das gelte als normal. Das Schweigen darüber bereitet den Nährboden für noch mehr Gewalt: In 90 Prozent der Feminizide war der Mörder ein Familienangehöriger, Freund, Ehemann oder Ex.

Anali und ihre Familie wissen nicht, ob der Mörder von Andrea jemals gefasst, geschweige denn verurteilt wird. Immerhin ist der Fall als Feminizid registriert und wird deshalb von der Spezialstaatsanwaltschaft ermittelt und verschwindet nicht auf Nimmerwiedersehen in einer Aktenmappe.

Mexiko - Land der Frauenmorde
Anne-Katrin Mellmann, ARD Mexiko Stadt
05.05.2018 12:13 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Mai 2018 um 02:46 Uhr und 04:46 Uhr.

Darstellung: