Afrikanische Migranten am Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla | AP

Nach Tod von Migranten in Melilla "Migrationspolitik fordert hohen Tribut"

Stand: 24.07.2022 17:56 Uhr

Am 24. Juni sind viele Migranten gestorben - beim Versuch, den Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla zu überwinden. Madrid sieht die Schuld bei Menschenhändlern. Aktivisten sprechen von einer neuen Kriminalisierung von Migranten.

Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Elf Monate Gefängnis wegen illegaler Einreise - dieses Urteil hat ein marokkanisches Gericht in Nador, Marokkos Norden, jüngst gegen 33 Migranten verhängt. Der Hintergrund: Vor einem Monat, am 24. Juni, hatten mehr als 1000 Menschen versucht, die Befestigungen der spanischen Exklave Melilla zu überwinden. Die Gewalt an dem Tag war enorm.

Die Vorwürfe beteiligter Migranten gegen die Behörden sind schwerwiegend - so auch die von Omar, er kommt aus dem Sudan. "Wir gingen nach Nador und sie haben uns brutal zusammengeschlagen", erinnert er sich. "Sie töteten unsere Freunde und Familie. Die marokkanische Regierung sagte, es seien 23 Tote, aber wir wissen, dass es mehr als 70 sind. Wir fordern die Menschenrechtsorganisationen auf, einzugreifen, um die Verwundeten zu behandeln, und gleichzeitig bitten wir sie, uns sofort in sichere Länder zu evakuieren, weil wir uns hier nicht sicher fühlen."

Ein Menschenmeer, am Boden liegend

Augenzeugen beschreiben den Vorfall wie eine Schlacht zwischen Migranten und Sicherheitsbeamten. Auf Videos sind Hunderte junge Männer zu sehen, dicht gedrängt vor einem Zaun, die offenbar mit Tränengas beschossen werden, jedenfalls steigen Rauchwolken auf. In einem anderen Filmschnipsel sieht man ein Menschenmeer am Boden liegend, wie tot, Verletzte mit zerrissenen und blutigen Kleidern. Später wird von "beispiellosen Zusammenstößen" zwischen Migranten und der marokkanischen Polizei gesprochen. 

Gegen die gibt es massive Anschuldigungen: Brutal sollen sie mit Stöcken auf die afrikanischen Migranten eingeschlagen haben. Marokkos Behörden wiederum berichten von exzessiver Gewalt seitens der Migranten, mit weit über 100 verletzten marokkanischen Beamten. Omar Najji von der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH macht sowohl die marokkanischen als auch die spanischen Behörden für die Eskalation am Grenzzaun verantwortlich. "Was am Freitag, dem 24. Juni 2022 passiert ist, ist eine Premiere für Nador und ganz Marokko. Ein hoher Tribut wurde gezahlt, 27 tote Migranten und so viele Schwerverletzte, und das zeigt deutlich den wahren Inhalt der marokkanischen und spanischen Migrationspolitik."

Laufende Ermittlungen zu den Opfern

Marokkos Behörden sprechen offiziell von 23 toten Migranten. Das ist bislang die tödlichste Bilanz, die jemals bei den vielen Versuchen, über die Grenzzäune zu gelangen, verzeichnet wurde. Madrid und Rabat wiederum sehen die Schuld für die Tragödie bei "kriminellen Menschenhandelsnetzwerken".

Die Ermittlungen zu den Todesopfern laufen noch. Manche Migranten sollen laut den marokkanischen Behörden ihren Verletzungen erlegen sein, nachdem sie versucht hatten, über den meterhohen Stacheldraht-Grenzzaun zu klettern. Nach Angaben des Innenministeriums kamen die Menschen auch im Gedränge oder durch Stürze vor dem Zaun ums Leben.

Amina Bouayach, Präsidentin des Nationalen Rates für Menschenrechte, spricht ebenfalls von 23 Toten. "Wir bestätigen in den vorläufigen Schlussfolgerungen dieser Kommission, dass 23 Migranten gestorben sind und keine Leichen beerdigt wurden. Alle Opfer wurden obduziert, um die Todesursache festzustellen. Zweitens wurden alle Verstorbenen einem DNA-Test unterzogen", sagt sie.

Bei den Todesopfern soll es sich vor allem um Menschen aus den Staaten südlich der Sahara handeln, aus dem Sudan und Südsudan. Die Videos und Bilder, die in sozialen Netzwerken kursieren, haben nicht nur in Marokko für Diskussion gesorgt. Der Leiter der Kommission der Afrikanischen Union hat die Zusammenstöße verurteilt - als eine "gewalttätige und erniedrigende Behandlung afrikanischer Migranten". 

Marokko - Transitland Richtung Europa

In Marokko protestieren die Menschen jetzt auf den Straßen gegen den Regierungskurs. Mamadou Diallo, Koordinator eines Kollektivs für Migranten aus Subsahara-Staaten in Marokko, appellierte, sein Land solle nicht mehr den gewalttätigen Gendarm für Europas Grenzpolitik spielen. "Wir fordern Marokko auf, die Auslagerung der europäischen Grenzen nach Marokko abzulehnen, nach dem, was gerade passiert ist. Wir alle kennen den guten Willen Marokkos bei der Aufnahme von Migranten, aber wir wissen jetzt nicht wirklich, wie sich diese Migration auf Marokko auswirken wird."

Marokko hat mit den spanischen Exklaven Melilla und Ceuta die einzige Landgrenze Afrikas mit Europa. Seit Jahren gilt das Königreich als Transitland Richtung Europa. Immer wieder sorgen die Grenzzäune für Schlagzeilen - sie gelten als Fieberthermometer in den diplomatischen Beziehung Marokkos mit Europa. Wenn es da knirschte, zeigte sich das meistens daran, dass mehr Migranten es über die sehr gut gesicherten Grenzanlagen schafften.

Ein Hauch mehr Grundrechte als in Afrika

Migrationsforscher Mehdi Alioua sagt, die Dramatik an den Grenzzäunen ließe sich nicht durch eine Abschottungspolitik lösen. "Die Dramen an den europäischen Grenzen, insbesondere auf den afrikanischen Migrationsrouten, die nach Europa führen, nehmen weiter zu", so Alioua. "Auf der einen Seite stellt Marokko Asylbewerbern nicht genügend Betreuungsstunden zur Verfügung und erlaubt ihnen nicht, Asyl zu beantragen. Aber gleichzeitig tut das Spanien, wenn die Migranten die Grenze überschreiten würden. Und so haben wir verzweifelte Menschen, die genau das versuchen, weil sie auf der anderen Seite immer noch teilweise von ihren Grundrechten profitieren, jedenfalls etwas mehr als in Afrika."

Europa und Marokko müssten sich stärker der humanitären Krise annehmen. Solange das nicht der Fall sei, rechnet der Migrationsexperte mit wachsender Gewalt an den Grenzzäunen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. Juli 2022 um 14:11 Uhr.