Fahrgäste steigen in eine Tram in Luxemburg ein.  | Bildquelle: dpa

Luxemburg Kostenloser ÖPNV ist erst der Anfang

Stand: 29.02.2020 16:51 Uhr

Als erstes Land der Welt hat Luxemburg den kostenlosen Nahverkehr eingeführt. Die Kosten: 41 Millionen Euro pro Jahr. Doch das Großherzogtum plant eine weitaus umfassendere Verkehrswende.

Von Gudrun Engel, ARD-Studio Brüssel, zzt. Luxemburg

An der Haltestelle Pfaffenthal auf dem Luxemburger Kirchberg sind die Ticketautomaten bereits abmontiert. Eine Sperrholzplatte verdeckt das Loch im Boden. Überall wird am Projekt "Verkehrswende" gearbeitet. Wo noch vereinzelt Ticket-Automaten stehen, nehmen sie kein Geld mehr an. Schaffner und Kontrolleure werden umgeschult, sollen im Service und der Information eingesetzt werden.

41 Millionen Euro pro Jahr zahlt der Staat dafür. Damit ist Luxemburg das erste Land der Welt, das den kostenlosen Nahverkehr einführen kann. Die Kosten für die Gratisfahrten finanziert das reiche Großherzogtum aus Steuermitteln. Eine verhältnismäßig kleine Summe für ein soziales Projekt mit positiven Auswirkungen für die Umwelt und außerdem ein Imagegewinn für sein Land, freut sich Regierungschef Xavier Bettel.

Wenn das Modell Nachahmer in anderen europäischen Ländern fände, hätte Bettel nichts dagegen. Luxemburg sieht sich in der Vorreiterrolle - auch für das Nachbarland Deutschland. In Augsburg wird ein ähnliches Modell zumindest in der Innenstadt getestet. In Hannover durfte man im Dezember an einem Wochenende kostenfrei Bus und Bahn fahren, was tatsächlich etwa 60 Prozent mehr Fahrgäste anlockte. Doch in der Regel wird ein derartiges Experiment in Deutschland mit Verweis auf die Kosten abgelehnt.

Für Deutschland zu teuer

Nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen hätten die Betreiber von Transportmitteln durch kostenfreies Fahren in der Bundesrepublik eine Einnahmelücke von etwa 12,8 Milliarden Euro - erklärt durch den Größenunterschied der beiden Länder. Diesen Betrag müsste der deutsche Staat zuschießen. Nahezu aussichtslos.

Von Kritikern wird auch der Erfolg angezweifelt: In der estnischen Hauptstadt Tallin können Bürger den öffentlichen Nahverkehr bereits seit fünf Jahren kostenfrei nutzen. Viele Umsteiger vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel habe das aber nicht gebracht, kritisieren Experten.

Auch Benny Mantin, Professor für Logistik an der Universität Luxemburg, mahnt an: Kostenfreiheit sei ein wichtiger erster Schritt hin zu mehr Attraktivität des ÖPNV, aber weitere müssten folgen: "Neben der Preisfrage spielen drei andere Faktoren eine zentrale Rolle: Die Taktung - kann ich sicher sein, dass ich schnell von irgendwo weg komme? Die Bequemlichkeit - gibt es Direktverbindungen, oder muss ich oft umsteigen? Und die Qualität der eingesetzten Fahrzeuge mit Blick auf Sauberkeit und Fahrplantreue." Bus und Bahn müssten ein ähnliches Gefühl von Freiheit, Unabhängigkeit und Planungssicherheit vermitteln, wie das Auto, dann könnte man Menschen zum Umstieg bewegen.

Verkehrswende statt Stauchaos

Luxemburgs Verkehrsminister Francois Bausch beruhigt: Das sei alles angedacht und bereits in Planung. Von seinem Büro im 16. Stock am Europaplatz blickt er zufrieden auf die neue Tramhaltestelle vor dem Gebäude. Alle fünf Minuten hält hier eine der bunt beleuchteten Bahnen. "Auf lange Sicht wollen wir den Takt auf drei Minuten senken, damit die Menschen nicht mehr auf Fahrpläne angewiesen sind, sondern wissen, es dauert nicht lange bis zur nächsten Verbindung."

Es gehe nicht nur darum, den Nahverkehr kostenlos zu gestalten. Es geht um eine groß angelegte Verkehrswende, einen Richtungswechsel. Den braucht Luxemburg auch dringend: Kein Land in Europa wächst so schnell wie das kleine Großherzogtum. Zu den 620.000 Einwohnern kommen werktäglich noch einmal weitere 200.000 Berufspendler aus Deutschland, Frankreich und Belgien. Die Stadt versinkt im Stauchaos.

Auch deshalb soll die Lage entzerrt werden - durch kostenlosen Nahverkehr und bessere Verbindungen. 600 Euro pro Kopf will Luxemburg künftig pro Jahr in den Schienen- und Netzausbau investieren. Verkehrsminister Bausch verweist stolz darauf, dass das in etwa die doppelte Summe dessen sei, was die Schweiz in ihre Züge investiere. In Deutschland sind es weniger als 70 Euro pro Kopf.

Fahrgäste sind in einer Tram in Luxemburg unterwegs. | Bildquelle: dpa
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In Luxemburg müssen Fahrgäste für Bus, Bahn und Tram keine Tickets mehr kaufen - außer in der ersten Klasse.

Zufriedene Bürger in Luxemburg

Bei den meisten Luxemburgern und Pendlern, die vor dem Hauptbahnhof in Elektrobusse steigen, kommt die Maßnahme gut an. Nur eine Frau kritisiert, dass sie künftig die Tickets aller über eine Steuer mitfinanzieren müsse. Die Französin Sue-Ellen Ribeux-Rochart hingegen freut sich: Ihr Pendlerticket werde künftig 40 Euro pro Monat günstiger, weil sie sich den Luxemburg-Anteil spart. Daniel Beck aus Deutschland ist sicher, dass das kostenlose Ticket mehr Menschen zum Umsteigen bewegen werde. 

Schon alleine die hochmodernen Verkehrsmittel sind im Vergleich zu etwa Deutschland eine Augenweide: neu, hell, bunt, freundlich und mit viel Platz ausgestattet. Es war vor zwei Jahren eine bewusste Entscheidung der Ampelregierung aus Liberalen, Sozialisten und Grünen, ab sofort zwei Drittel der Investitionen im Bereich Mobilität in Nahverkehr zu stecken und nur noch ein Drittel in die Straße. "Alles eine Frage der Priorisierung", sagt Verkehrsminister Bausch von den Grünen. "Klar ist: So autofreundlich, wie wir uns Räume im vergangenen Jahrhundert erschlossen haben, geht das nicht mehr. Das hat uns zum Kollaps geführt."

Ein Bus der Stadt Luxemburg fährt in der Innenstadt. | Bildquelle: dpa
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Das Großherzogtum plant, den Takt im öffentlichen Nahverkehr künftig zu erhöhen.

Umdenken in der Regierung

Die Investitionen in die Mobilität sollen von 501 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 806 Millionen im Jahr 2021 steigen. Das Straßenbahnnetz soll ohne Oberleitungen mit Batterien fahren. Das Busnetz soll reorganisiert werden, hin zu Schnellbussen und extra Pendlerspuren. Die Zahl der Park-and-Ride-Plätze an den Grenzen soll bis 2025 verdoppelt werden. Das Radwegenetz soll auf 1100 Kilometer Länge ausgebaut werden. 

Die Liste der Verbesserungen, die noch kommen sollen, um die Verkehrswende wirklich einzuleiten, ist lang. Aber bevor das alles in Angriff genommen wird, feiert Luxemburg am Wochenende den ersten Schritt: Dass es als erstes Land der Welt den kostenlosen ÖPNV einführt.

Luxemburg fährt ab heute kostenlos Bus, Bahn und Tram
Ralph Sina, ARD Brüssel
29.02.2020 12:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Februar 2020 um 07:53 Uhr.

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