Das Wort "Schande" ist mehrfach als Graffiti auf dem Sockel des Wiener Karl-Lueger-Denkmals zu lesen, Österreich. | Bildquelle: dpa

Antisemitismus Wiener Statue erhitzt die Gemüter

Stand: 10.10.2020 13:40 Uhr

Karl Lueger war einst Bürgermeister von Wien und gilt in der Stadt als großer Modernisierer. Er war aber auch ein Antisemit, weshalb um seine Statue im Zentrum der Hauptstadt ein Streit entbrannt ist.

Von Andrea Beer, ARD Studio Wien

Das meterhohe Denkmal von Karl Lueger steht im Zentrum von Wien. Bis 1910 prägte er die Stadt viele Jahre lang als Bürgermeister. Lueger gilt als großer Modernisierer, etwa der Infrastrukur. Doch das wollen Lara Guttmann und Sashi Turkof so nicht stehen lassen.

Sie stört, dass er einer der ersten gewesen sei, der Antisemitismus für seine Politik genutzt habe - und, dass das Denkmal heute noch von vielen Rechtsextremen als ein Ort genutzt werde, mit dem sie sich identifizieren. "Hitler bezeichnete Lueger auch als Vorbild und einen großen Mann. Und dieser Mann steht hier als großes Denkmal, mitten in unserer Stadt", sagt Guttmann.

Aktivisten halten Mahnwache

Seit einigen Wochen prangt das Wort "Schande" auf dem Denkmal - mehrfach aufgesprüht in roten und grünen Buchstaben. Damit diese nicht verschwinden, halten Aktivisten eine sogenannte Schandwache, an der sich auch Turkof und Guttmann beteiligen. Denn in Gold gegossene "Schande"-Buchstaben wurden von rechtsextremen Identitären bereits abgeklopft - unter dem Gegröle von Parolen.

Die 19-jährige Turkof studiert Kultur- und Sozialanthropologie und Bildungswissenschaften, Lara Guttmann Medizin. Beide sind Präsidentinnen des Verein Jüdische österreichische HochschülerInnen. Die jungen lebhaften Frauen möchten das wuchtige Lueger-Monument völlig umgestalten oder einfach abreißen.

Lena Floerl, Mitglied der Organisation Schandwache nimmt am 6. Oktober 2020 an einer "Mahnwache der Schande" am Karl-Lueger-Denkmal in Wien teil, Österreich. | Bildquelle: AFP
galerie

Aktivisten halten eine "Schandwache" am umstrittenen Lueger-Denkmal.

Abreißen oder eingeordnet stehen lassen?

Sie laufen um die Statue herum zu der kleinen Tafel, die den umstrittenen Wiener Bürgermeister klar als Antisemiten einordnet, doch das genügt den beiden nicht. Abreißen oder kommentiert und eingeordnet stehen lassen? Die Meinungen gehen auseinander. Unterstützung erhalten die Denkmalgegnerinnen- und gegner unter anderem von der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. "Die Tatsache, das mit dem Christlich-Sozialen endgültig klar wurde, dass Deutsch sein zugleich heißt, antisemitisch zu sein, ist eine der großen Tragödien der österreichischen Geschichte, und ich würde das Herrn Lueger schon anrechnen wollen und ihm kein Denkmal aufstellen."

Das Denkmal steht seit 1926 nahe der Ringstraße. Es rückte schon vor mehr als zehn Jahren ins Visier von Debatten. 2009 schrieb die Universität für angewandte Kunst einen Ideenwettbewerb aus. Das Ziel: umgestalten in ein Mahnmal gegen Rassismus und Antisemitismus. Der Gewinnerentwurf wurde nicht umgesetzt, und die Sache versandete.

Die "Black Lives Matter"-Bewegung brachte wieder neuen Schwung, den auch Guttmann und Turkof nutzen möchten. Die beiden Wienerinnen haben viele Erfahrungen mit Antisemitismus machen müssen. Man werde häufig nach Herkunft, Geld, Essen oder den Rothschilds gefragt - oder ob jüdische Bürger Steuern zahlen müssten, sagt Turkof und Guttmann nickt und ergänzt:

"Es ist sehr wichtig, dass wir generell auch das Bild von Jüdinnen und Juden ein bisschen ändern. Jüdinnen und Juden werden meistens einzig und allein zu Antisemitismus, Shoah und manchmal auch noch dem Nahost-Konflikt befragt. So wichtig diese Themen sind, und wir auch alles dafür tun, um daran zu arbeiten, ist es uns auch ganz wichtig zu zeigen, dass es ein florierendes jüdisches Leben hier in Wien gibt."

"Wir haben so viel mehr, wir sind so viel mehr als diese Themen", so Turkof. "Wir haben beispielsweise soziale Projekte, wir machen Ausstellungen, und wir haben unglaublich viele andere Sachen, die uns ausmachen."

"Österreich muss an der Erinnerungskultur arbeiten"

Die beiden jungen Studentinnen stellen aber auch fest, dass Antisemitismus von der Gesellschaft in Österreich zunehmend akzeptiert werde. Menschen mit antisemitischer Haltung würden ihrer Ansicht nach ermutigt, diese zu haben und auch offen zu äußern. Ein gesamtgesellschaftliches Problem, für das die beiden Frauen die rechte FPÖ mitverantwortlich machen.

"Österreich muss zudem an der Erinnerungskultur arbeiten", findet Turkof. "Wir glauben, dass Wien und Österreich bei der Erinnerungspolitik noch immer eine falsche Melancholie verspüren." Sie fordern eine deutliche Veränderung der Haltung.

Ob Turkof, Guttmann und ihre vielen Mitstreiter den alten Antisemiten Lueger vom Sockel stoßen, ist noch offen. Erst einmal wird am Sonntag in Wien gewählt.

Zwei junge Jüdinnen und ein alter Antisemit streiten über das Lueger-Denkmal in Wien
Andrea Beer, ARD Wien
10.10.2020 12:16 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete WDR5 Scala am 08. Oktober 2020 um 14:05 Uhr.

Darstellung: