lehrerstreik an Warschauer Schulen | Bildquelle: dpa

Lehrerstreik in Polen "Wir wollen in Würde arbeiten"

Stand: 08.04.2019 19:00 Uhr

In Polen haben Hunderttausende Lehrer für mehr Geld und die Anerkennung ihres Berufes gestreikt. Regierungsnahe Stimmen werfen ihnen vor, den Arbeitskampf auf dem Rücken der Schüler auszutragen.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau

Die Flure der Stefan-Starzynski-Schule in Warschau sind leer: Keine Schüler, doch die Lehrer sind gekommen. Fast die gesamte Lehrerschaft nimmt am Streik heute teil. Sie sitzen im Lehrerzimmer und diskutieren.

Es geht um ihre Zukunft, vor allem finanziell. "Wir wollen in Würde arbeiten", sagt die Deutschlehrerin Katarzyna Lempicka. Seit 14 Jahren schon ist sie an der Schule, praktisch seit Beginn ihrer Lehrtätigkeit. Und nun streikt sie mit und hat sich den Forderungen der Gewerkschaft ZNP angeschlossen. 

Im Kern geht es um mehr Lohn. Eine Gehaltsanhebung um 30 Prozent in zwei Raten, so der jüngste Stand. Das sei "dringend notwendig", meint Lempicka. Von ihren Lehrergehältern von im Schnitt umgerechnet 700 Euro brutto könne man nicht überleben. Das sei sogar weniger als das nationale Durchschnittseinkommen.

Lehrerstreik in Warschau: Lehrerin Katarzyna Lempicka | Bildquelle: WDR
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Lehrerin Katarzyna Lempicka (links) diskutiert mit Kollegen im Lehrerzimmer.

Respekt müsse sich in Lohn ausdrücken

Der Großteil ihres eigenen Gehalts geht schon für die Miete drauf. Deshalb muss sie, wie viele andere auch, nebenbei noch arbeiten. Ihr Kollege, Englischlehrer Konrad Janiuk, ist auch schon lange Lehrer. Er gibt abends noch privaten Unterricht. "Die Zeit würde ich eigentlich lieber bei meiner Familie verbringen", sagt er. Er fordert Würde und Respekt für den Lehrerberuf und das müsse sich auch im Lohn ausdrücken. 

Dieser Streik kommt nicht unangekündigt auf das Land zu. Die Forderungen liegen schon seit Monaten auf dem Tisch. In den vergangenen Wochen gab es regelmäßige Verhandlungsrunden mit Vertretern der rechtskonservativen PiS-Regierung.

Deren Angebot zuletzt: 15 Prozent stufenweise mehr Lohn und ein sogenannter Gesellschaftsvertrag mit einer Verkürzung der Referendariatszeit, mehr Zuschüssen für Klassenlehrer und weniger Bürokratie.

Auf Teile dieses Angebots ging die eher regierungsnahe Solidarnosc-Gewerkschaft gestern Abend ein und unterschrieb. Die größere ZNP-Gewerkschaft dagegen nicht, so begann heute der Streik.

Polnischen Gewerkschaftsangaben zufolge waren 80 Prozent der polnischen Schulen betroffen, die Regierung sprach von 50 Prozent.

Lehrerstreik in Warschau: Leeres Klassenzimmer An der Strazynski-Schule in Warschau
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An der Stefan-Strazynski-Schule in Warschau bleiben die Klassenzimmer leer.

Politikum Lehrerstreik

Überlagert ist das ganze Thema auch durch gegenseitige politische Vorwürfe: Regierungsnahe Stimmen halten den Lehrern vor, das Ganze auf den Rücken der Schüler auszutragen, denn gerade jetzt beginnen die Zeiten wichtiger Zwischenprüfungen, die nun gefährdet sind. Manche PiS-Politiker halten den Lehrern auch vor, der Opposition im Wahljahr in die Hände spielen zu wollen.

Gewerkschafter hingegen fragen, warum es jetzt bei der Regierung zwar milliardenschwere Sozialprogramme und Hilfe für Bauern gebe, aber eben nicht für die Lehrer. In Umfragen für oder gegen den Pädagogen-Streik bilden sich in etwa zwei gleich große Lager. Von den PiS-Anhängern sind fast 80 Prozent gegen den Streik. Der Lehrerstreik ist ein Politikum in Polen.

Für die Lehrer an der Stefan-Starzynski-Schule geht es ganz konkret um ihre Zukunft als Lehrkräfte. Sie wollen bis zu einem für sie positiven Ergebnis weitermachen, hoffen aber, dass es schon sehr bald zu einer Lösung kommt. Bis dahin bleiben die Klassenzimmer der Schulen leer, deren Lehrer beim Streik mitmachen.

 

Lehrerstreik gefährdet Abschlussprüfungen
Jan Pallokat, ARD Warschau
08.04.2019 19:10 Uhr

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