Ein Soldat der Legion mit einer MG 34 in Bordeaux, im März 1944. | Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 101I-263-1580-06 / Wette / CC-BY-SA 3.0

Zweiter Weltkrieg Hitlers indische Armee

Stand: 08.06.2019 04:14 Uhr

Während des Zweiten Weltkriegs kämpften 4000 indische Soldaten auf der Seite Nazi-Deutschlands. Die "Legion Freies Indien" hoffte auf deutsche Unterstützung im Kampf für die Unabhängigkeit Indiens - vergebens.

Von Sebastian Manz, ARD-Studio Neu-Delhi

Die "Legion Freies Indien" war eine Einheit bestehend aus rund 4000 indischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite Nazi-Deutschlands kämpften - einem Regime, das Menschen wie sie als minderwertig ansah.

Dass es diese Legion dennoch gab, lag vor allem an einem Mann: Chandra Bose, indischer Nationalist und Freiheitskämpfer. Gemeinsam mit Mahatma Gandhi lehnte er sich gegen die britische Kolonialherrschaft über Indien auf. Doch anders als der Pazifist Gandhi kam Gewalt für Bose durchaus als Mittel infrage.

Nazi-Führung sollte überzeugt werden

Als in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach und Großbritannien unter den deutschen Angriffen litt, sah Chandra Bose die Stunde Indiens gekommen. Auf indischen Internetseiten werden noch heute Mitschnitte verbreitet, die zeigen, wie Bose damals die Nazi-Elite für seine Sache überzeugen wollte. "In diesem Kampf, der für Indien ein Kampf um Sein oder Nichtsein ist, kann es nur einen gemeinsamen Ausgang geben: Unseren gemeinsamen Sieg", propagierte Bose.

Subhas Chandra Bose mit Heinrich Himmler 1941 | Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Alber-064-03A / Alber, Kurt / CC-BY-SA 3.0
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Chandra Bose mit Heinrich Himmler 1941.

1941 traf sich Chandra Bose in Berlin mit der Nazi-Elite. Er überzeugte die Deutschen, eine Kampftruppe aus Indern zu formen. Sie rekrutierte sich vor allem aus indischen Kriegsgefangenen, die vorher für die Briten gekämpft hatten.

Der indische Historiker Anirudh Desphande beschäftigte sich eingehend mit der Motivation von Chandra Bose und seiner Legion. Seiner Einschätzung nach waren viele der indischen Legionäre vom Sieg Deutschlands überzeugt gewesen. "Sie wollten auf der Seite des Siegers stehen."

Mehrheit verweigerte sich der Legion

Die meisten indisch-stämmigen Soldaten in deutscher Gefangenschaft verweigerten sich allerdings den Nazis. Nur etwa jeder Fünfte ließ sich von Chandra Boses Vision überzeugen. Mit dem Naziregime vereinbarte er, dass die indische Legion zunächst nicht an der Front eingesetzt werden sollte. Bose hatte eine andere Idee: Die Legion sollte den Vorstoß der Wehrmacht nach Indien anführen.

Auf Webseiten indischer Nationalisten kursieren Nazi-Propaganda-Videos. Sie zeigen, wie das Dritte Reich die indische Legion für seine Zwecke zu nutzen wusste. Adolf Hitler wurde allerdings nie zum überzeugten Anhänger der indischen Legion. "In einer seiner Reden nannte er die Legion einen Witz. Als Rassist war er grundsätzlich nicht überzeugt von den Kampffähigkeiten von Nicht-Europäern", sagt der Historiker Anirudh Desphande

Generalfeldmarschall Erwin Rommel bei der Inspektion einer Einheit der Indischen Legion in Frankreich, Februar 1944 | Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-J16796 / Jesse / CC-BY-SA 3.0
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Erwin Rommel bei der Inspektion einer Einheit der indischen Legion in Frankreich, 1944. Die Nazi-Führung nutzte die Legion für ihre Zwecke.

Flucht per U-Boot

Boses Traum vom Einmarsch in Indien endete jäh, als die Wehrmacht bei Stalingrad aufgerieben wurde. Der Kampf der Deutschen an der Ostfront schien mit einem Mal nicht mehr sonderlich aussichtsreich für die indische Sache. In einer Geheimoperation ließ er sich deshalb per U-Boot zurück nach Asien schmuggeln, um den Freiheitskampf von dort aus fortzusetzen.

Die 4000 Soldaten der indischen Legion blieben im Deutschen Reich. Sie hatten ihren ideologischen Anführer verloren, wurden fortan zum Wache Halten am Atlantikwall und später an der südfranzösischen Küste eingesetzt.

Als sich der Krieg dem Ende zuneigte, wurde die Legion der SS unterstellt. An der Seite deutscher Truppen kam es zu Rückzugsgefechten in Frankreich. Die Legion erlitt erste Verluste. Sie machte sich aber auch bei Kriegsverbrechen mitschuldig, sagt Historiker Anirudh Deshpande. "Es ist dokumentiert, dass sich Teile der Legion äußerst grausam gegenüber Widerstandskämpfern verhalten haben."

Besatzung eines Artilleriegeschützes, Februar 1944 | Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 183-J16696 / CC-BY-SA 3.0
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Gegen Ende des Krieges gehörte die indische Legion zur Waffen-SS.

Erschießungen und Freisprüche

Das Ende der Legion war wenig ehrenvoll. Die Soldaten wurden von alliierten Truppen gestellt, als sie gerade am Bodensee Richtung Schweiz flüchten wollten. Franzosen sollen einige der Inder aus Rache erschossen haben. Die restlichen Männer wurden an die Briten übergeben. Diese verschifften die Gefangenen zurück nach Indien.

Dort kamen sie alle vor Gericht, wurden aber freigesprochen oder erhielten milde Strafen. "Die indische Armee wollte sie nicht haben und so verschmolzen sie nach und nach wieder mit der zivilen Gesellschaft", erklärt Desphande.

Im Indien der Gegenwart versuchen Nationalisten immer wieder, die Legion als heroische Einheit zu verklären. Mit mäßigem Erfolg. In ihrer Heimat erinnert sich heute kaum noch jemand an die Geschichte der 4000 Soldaten, die vergeblich darauf gehofft hatten, an der Spitze der Wehrmacht in Indien einzumarschieren.

Legion Freies Indien
Sebastian Manz, NDR
06.06.2019 19:56 Uhr

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