Der neugewählte Labour-Chef Keir Starmer | Bildquelle: dpa

Neuer Labour-Chef Starmer "Die Ehre meines Lebens"

Stand: 04.04.2020 16:55 Uhr

Ohne einen Parteitag abzuhalten, vollzieht die Labour-Partei den Kurswechsel: Sie wählt Keir Starmer zum neuen Parteichef. Der 57-Jährige steht für die Abkehr vom linksgerichteten Stil Jeremy Corbyns.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Kein tosender Applaus in einer voll besetzten Halle, keine feuchten Augen, keine Blumensträuße - der Sonderparteitag, den es eigentlich in London hätte geben sollen, ist wegen der Corona-Krise abgesagt worden. Stattdessen nur eine Bekanntgabe im Internet, der Sieger heißt: Keir Starmer!

Der 57-jährige Jurist, der im Schattenkabinett von Jeremy Corbyn für den Brexit zuständig war, ist mit gut 56 Prozent der Stimmen zum neuen Chef der Labour-Partei gewählt worden. In einem Video, das alle Kandidaten schon vorab produzieren mussten, sagt Starmer, es sei die Ehre seines Lebens, zum Vorsitzenden der Labour-Partei gewählt worden zu sein.

Dann spricht Starmer lange über die Corona-Krise. Die Labour-Partei werde im nationalen Interesse handeln, sagt Starmer: "Unter meiner Führung werden wir konstruktiv mit der Regierung zusammenarbeiten. Wir werden nicht Opposition um der Opposition willen machen oder unmögliche Forderungen stellen. Wir werden den Mut haben zu unterstützen, wo das richtig ist."

Eher subtile Kritik

Kritik am Status Quo übt Starmer eher subtil. Etwa, indem er herausarbeitet, was und wer in dieser Krise tatsächlich zählt: "Jetzt können wir sehen, welche Berufe wirklich entscheidend sind", so Starmer. "Wenn wir diese Krise überstehen, dann wegen der Mitarbeiter im Gesundheitswesen, der Pfleger, der Krankenwagenfahrer, der Putzfrauen. Es wird wegen ihrer harten Arbeit und ihres Mutes sein. Für zu lange wurden sie für selbstverständlich genommen und schlecht bezahlt."

Starmer macht in dem Video keine konkreten programmatischen Ankündigungen, aber er hatte in früheren Interviews schon gesagt, dass er die Ungleichheit im Land, die sehr ungleiche Verteilung von Wohlstand und Macht, gern verändern würde. Starmers Plänen zufolge müssten die Unternehmen und auch die Spitzenverdiener mehr Steuern zahlen, außerdem will er sich bemühen, die internationalen Großkonzerne in die Pflicht zu nehmen und deren Steuervermeidungsstrategien zu durchkreuzen.

Für Starmer zählt das "Wir"

Starmer betont das "Wir" in seiner Botschaft, die Gemeinschaft. Er ist davon überzeugt, dass sich Wahlen nur mit innerparteilicher Geschlossenheit gewinnen lassen. Der Streit um den Brexit, die extrem linke politische Ausrichtung und der Umgang mit dem Antisemitismus in der Partei haben in der Vergangenheit aber zu tiefen Zerwürfnissen geführt.

Für den Antisemitismus entschuldigt sich Starmer nun. "Der Antisemitismus hat unsere Partei befleckt. Im Namen der Labour-Partei entschuldige ich mich." Und er verspricht: "Ich werde dieses Gift mit der Wurzel ausreißen und den Erfolg danach bemessen, ob die jüdischen Mitglieder zurückkommen." 

Starmer verspricht weiter, sich für das Beste der Partei und des Landes einzusetzen. Wie gewinnend der Jurist sein kann, wie überzeugend und mitreißend, muss er aber noch beweisen. Seine Anhänger loben sein nüchternes, staatsmännisches Auftreten, Skeptiker halten aber genau diese Art für zu hölzern und blutleer, um wirklich zu begeistern.

Der neue Parteichef beschließt seine Rede damit, dass Labour dem Land eines Tages wieder als Regierungspartei dienen soll. Der Weg dorthin ist aber noch weit.

Keir Starmer ist neuer Chef der Labour-Partei
Imke Köhler, ARD London
04.04.2020 16:26 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 04. April 2020 B5 aktuell um 16:09 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.

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