Sebastian Kurz im Wahlkampf | Bildquelle: REUTERS

Kurz - ein Favorit mit Kratzern "Ich, ich, ich - das ist der Inhalt"

Stand: 28.09.2019 13:53 Uhr

Die ÖVP ist Favorit bei der Wahl am Sonntag in Österreich. Ihr Wahlkampf war ganz auf Sebastian Kurz zugeschnitten. Doch der musste sich auch Buhrufe anhören und reagierte mitunter ungehalten.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Wahlkampfauftakt der ÖVP Anfang September in Wien. Umrahmt von engen Parteifreunden tritt Sebastian Kurz kämpferisch auf: "Und wenn die letzten Monate bei mir eines ausgelöst haben und insbesondere die Abwahl, dann ist das der unbändige Wille, liebe Freunde, dass wir unseren Weg der Veränderung in Österreich fortsetzen."

Die Chancen dafür stehen gut. Kurz' ÖVP liegt in Umfragen meilenweit vorn. Und der nur 33-jährige Ex-Bundeskanzler ist nach wie vor der beliebteste Politiker des Landes. Doch während Sebastian Kurz durch den Wahlkampf 2017 praktisch fehlerlos und skandalfrei segelte, ist es dieses Mal anders.

Buhrufe - für Kurz Neuland

Bei einer Wahlrunde im Fernsehen gab es Buhrufe aus dem Publikum. Für Kurz ist sowas Neuland. Ebenso ungewohnt für Kurz und sein Team: Unangenehme Enthüllungen von investigativen Journalisten auf den letzten Wahlkampfmetern. Etwa zu den Parteifinanzen der hochverschuldeten ÖVP, die - so der Vorwurf - Großspender und sehr hohe Wahlkampfkosten verschleiere und sich nicht immer an die Regeln halte.

Von Journalisten auf das Thema angesprochen reagiert Kurz ungewohnt ungehalten. In einem Liveinterview mit dem ORF-Radio unterbricht er die Interviewerin mitten im Wort und sagt: "Ich halte die Formulierung für höchst problematisch. Sie haben keinen einzigen Beweis dafür und es gib auch kein Indiz. Was es gibt, ist die Falschberichterstattung, gegen die wir auch geklagt haben."

"Jede Kritik an ihm ist 'Schmutzkübel'"

Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl analysiert regelmäßig auf Twitter Sprach- und Strategiemuster von Politikern. Sie sagt, dass Kurz berechtigte und unberechtigte Kritik an seiner Politik bewusst vermenge und sich so gegen jede Art von Kritik immunisiere. "Jedes Widerwort gegen ihn ist 'dirty campaigning', jede Kritik an ihm ist 'Schmutzkübel'. Und indem er diese sehr gefährliche Strategie fährt, sagt er uns, dass er sich eben keiner Kritik stellt, dass jede Kritik an ihm unzulässig ist."

Anhänger als "Jünger" bezeichnet

Zudem sei der Wahlkampf der konservativen ÖVP komplett darauf zugeschnitten, dass Kurz wieder Kanzler werden muss. "Ich, ich, ich ist eigentlich der Inhalt des Wahlkampfes von Sebastian Kurz", sagt die Wissenschaftlerin. Und in Strategiepapieren der ÖVP würden seine Anhänger sogar als "Jünger" bezeichnet. "Da sieht man auch diesen religiösen Charakter, diesen sektenartigen Charakter in Wahrheit."

Dass gerade Kurz diese Art von Wahlkampf führe, sei eine neue Qualität. Von Rechtsextremen oder Rechtspopulisten würde man solche Taktiken kennen und erwarten, so Strobl. Aber hier sei es eben "ein Vertreter einer konservativen Partei, der diesen Stil pflegt".

"Ich finde nicht, dass er so lieb ist, wie er immer tut"

Das kommt nicht bei allen Stammwählern der konservativen ÖVP gut an. In einer Serie von YouTube-Videos erklären einige von ihnen, warum sie Kurz und seiner ÖVP bei der kommenden Wahl die Stimme verweigern werden. Sie nennen sich dabei "Konservative mit Anstand":

"Einerseits auf die Schulter klopfen mit dem Spruch neuer Stil, aber noch viel mehr Dreck schleudern und Gerüchte verbreiten und genau das Gegenteil machen, von dem was man sagt", heißt es dort etwa in einem Video. In einem anderen spricht eine langjährige ÖVP-Anhängerin über den Spitzenkandidaten: "Ein Samariter ist Sebastian Kurz nicht. Auf mich wirkt er sehr kalt, sehr kühl und sehr berechnend. Ich finde nicht, dass er so lieb ist, wie er immer tut."  

Klare Wählerwanderung nach dem "Ibiza-Video"

Bei aller Kritik auch aus den eigenen Reihen ist die ÖVP mit Werten rund um 35 Prozent in den Umfragen als stärkste Kraft kaum mehr einholbar. Wie kann das sein? Für Politikwissenschaftler Peter Filzmeier ist das vor allem eine indirekte Folge des Skandals um das "Ibiza-Video" rund um den ehemaligen Chef der rechten FPÖ, Heinz-Christian Strache.

Das lasse sich an der Wählerwanderung im Mai und Juni dieses Jahres erkennen - also nach Bekanntwerden des Videos. Diese gehe klar von der FPÖ hin zur ÖVP, so der Politikwissenschaftler. "Wer gerade bei der Zuwanderungspolitik rechte Positionen vertritt, aber die FPÖ nicht mehr mag, der geht automatisch zur ÖVP."

"Jede Partneragentur würde da Risikoaufschlag verlangen"

Auch Filzmeier geht davon aus, dass Kurz mit seiner ÖVP die Wahl gewinnen wird. Das Hauptproblem für ihn dürfe aber sein, einen Partner zu finden, mit dem er dann auch fünf Jahre regieren kann. Nicht zuletzt deshalb, weil Kurz bereits zwei Koalitionen hat platzen lassen: die große Koalition 2017 und sein Bündnis mit der FPÖ 2019. Politikwissenschaftler Peter Filzmeier formuliert das so:

"Jede Partneragentur würde da Risikoaufschlag verlangen. Und auch beim Onlinedating ist es im Tinderprofil wahrscheinlich nicht so gut, wenn da steht: 33 Jahre jung, aber zwei Mal geschieden."

 

Sebastian Kurz: Wahlfavorit mit Kratzern im Lack
Srdjan Govedarica, ARD Wien
28.09.2019 12:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. September 2019 um 20:00 Uhr.

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