Syrische Flüchtlingskinder, die in der Türkei Kinderarbeit leisten | Bildquelle: Oliver Mayer-Rüth

Kinderarbeit in der Türkei Leben aus der Mülltonne

Stand: 20.09.2020 07:53 Uhr

Bis zu zwei Millionen Kinder leisten in der Türkei Kinderarbeit. Gesetzlich ist es zwar verboten, aber die Not bringt Familien oft dazu, ihre Kinder zum Geld verdienen anstatt in die Schule zu schicken.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Im August wurde Serhat 13 Jahre alt. Zwischen Oberlippe und Nase sprießt ein zarter Bartansatz. Seine Augen sind kindlich rund. Serhat durchstreift mit seinem Müllsammlerwagen täglich den Istanbuler Stadtteil Fikirtepe. Er sucht nach Altpapier, gräbt in Mülltonnen. Manchmal verschwindet der ganze Oberkörper in den schmutzigen, stinkenden Stahlblechbehältern.

Kinderarbeit - Schuften statt Schule
Europamagazin, 20.09.2020, Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

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Serhat stammt aus einer Romafamilie. Alle in der Akraba - also in der Großfamilie - seien Müllsammler, erzählt Serhat. Die Onkel, die Cousins, und auch der Vater. Aber der sitzt momentan im Gefängnis. "Deshalb muss ich für die Familie sorgen", sagt der Junge. Etwa vier Euro am Tag verdiene er mit dem Müllsammeln. Das reiche dann, damit die Mutter etwas zu Essen und ihre Zigaretten kaufen könne. Aber während der Arbeit habe er oft den ganzen Tag nichts im Magen, klagt der Junge.

 "Wenn ich von der Arbeit komme, geben wir manchmal das ganze Geld sofort aus. Am nächsten Tag kann ich mir dann nichts zum Essen kaufen und bin hungrig."

 

Kinderarbeit, also das Arbeiten von Jugendlichen unter 15 Jahren, ist in der Türkei eigentlich gesetzlich verboten. Doch staatlichen Angaben zufolge müssen gut 700.000 Kinder landesweit entweder etwas zum Unterhalt der Familie dazu verdienen, oder aber sie sind ganz allein auf sich gestellt und müssen versuchen, mit ihren meist minimalen Einkünften zu überleben.

Kinderarbeit um "neue Reiche zu schaffen"

Tatsächlich dürften es sogar zwei Millionen Kinder sein, die sich in der Türkei verdingen, glaubt Asalettin Arslanoglu. Er ist überzeugt davon, dass das System Kinderarbeit von oben gewollt ist. Wenn der Staat wirklich ein Interesse hätte, Kinderarbeit zu stoppen, so der Gewerkschaftsfunktionär, dann könnte er das Problem schnell lösen. In der Türkei gebe es dafür ausreichend Institutionen wie Polizei, Gendarmerie, das Familienministerium oder Sozialdienste, unterstreicht Arslanoglu.

 "Aber keiner greift ein. Alle sehen weg. Das System soll neue Reiche schaffen und Kapital anhäufen. Und man glaubt, das ginge mit Schwarz- und Kinderarbeit, also mit billigen Arbeitskräften."

Der 13jährige Serhat spielt gerne Fußball. Er geht auch gerne zur Schule, beteuert er, wenn diese geöffnet sei. Englisch sei sein Lieblingsfach neben Sport. Aufgrund der Pandemie sind Schulen in der Türkei jedoch auf nicht absehbare Zeit geschlossen. Von Online-Unterricht habe er gehört, aber teilnehmen könnte er sowieso nicht. Das Haus, in dem er mit seiner Familie lebt, wurde von ihnen besetzt. Sie bezahlen keine Miete, haben aber auch kein Internet.

Syrische Flüchtlingskinder, die in der Türkei Kinderarbeit leisten | Bildquelle: Oliver Mayer-Rüth
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Serhat möchte lieber Englisch lernen und Fußball spielen. Doch seine Familie ist auf sein Einkommen angewiesen.

 

Ständig Angst vor Polizei

Serhats Vater sitzt zur Zeit im Gefängnis, weil er einen Ordnungshüter angegriffen hat, erzählt sein Sohn. Der Ordnungshüter habe dem Vater den Wagen zum Müllsammeln wegnehmen wollen. Offenbar fehlte ihm die Lizenz zum Abfallsammeln. Deshalb, so Serhat, laufe er nun immer schnell weg, wenn er auf einer der Hauptstraßen Polizisten oder Mitarbeiter der Stadtverwaltung sehe. Die würden ihn verprügeln, wenn sie ihn schnappen und den Wagen wegnehmen. Den habe er jedoch nur geliehen und er müsste dem Besitzer aber bei Verlust etwa 40 Euro bezahlen. Für Serhat ein kleines Vermögen.

 

Kinderarbeit hat drastisch zugenommen

Ebru Uygun kennt viele Geschichten von Kinderarbeit. Sie ist Vorsitzende der Stiftung Tocev, die sich für das Wohl von Kindern einsetzt. Uygun beobachtet seit gut zehn Jahren eine rapide Zunahme von Kinderarbeit in der Türkei. Das habe auch mit den kriegerischen Konflikten in der arabischen Welt zu tun. Inzwischen gibt es vier Millionen Flüchtlinge im Land.

"Weil viele Flüchtlinge in die Türkei kommen, ist die Zahl der arbeitenden Kinder gestiegen. Vor der Flüchtlingsbewegung war die Lage noch etwas unter Kontrolle. Aber danach mussten Kinder auch in sehr jungen Jahren arbeiten, weil es in den Familien kaum Bildungskultur gibt. Die Eltern treiben die Kinder auf die Straße, und das ist das Traurigste daran."

Syrische Flüchtlingskinder, die in der Türkei Kinderarbeit leisten | Bildquelle: Oliver Mayer-Rüth
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Serhat ist Teil einer Großfamilie. Viele Mitglieder der "Akraba“ verdingen sich als Müllsammler. Viel verdienen sie nicht. Sie leben von der Hand in den Mund.

Kindeswohl - Schlusslicht Türkei

Serhat ist kein Flüchtling, dennoch treiben auch ihn die Eltern zum Arbeiten auf die Straße. Noch hat der 13-Jährige Träume. Er will Fußballer werden. Wenn er von diesem Traum spricht, leuchten seine Augen und er lächelt. Andere Kinder in der Türkei, die arbeiten müssen, lächeln kaum noch. Im September hat UNICEF einen Bericht zum Kindeswohl in reichen Ländern veröffentlicht. Dabei wurde in 33 Ländern erörtert, wie zufrieden die Kinder mit ihrem Leben sind. Das bedrückende Ergebnis dieser Studie: Die Türkei ist Schlusslicht.

Diesen Beitrag sehen Sie am Sonntag um 12.45 Uhr ARD-Europamagazin im Ersten

Über dieses Thema berichtete das ARD-Europamagazin am 20. September 2020 um 12:45 Uhr im Ersten.

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