Jamal Khashoggi (Archiv Foto von 2011) | Bildquelle: AFP

Saudischer Journalist Wurde Khashoggi in Istanbul ermordet?

Stand: 08.10.2018 02:23 Uhr

Seit Tagen wird ein regierungskritischer saudischer Journalist in der Türkei vermisst. Die Polizei glaubt, dass er im Konsulat seines Landes in Istanbul ermordet wurde. Riad dementiert.

Nach dem Verschwinden des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi geht die türkische Polizei davon aus, dass der Regierungskritiker im Konsulat seines Landes in Istanbul ermordet wurde. Dafür soll eigens ein saudisches Kommando in die Türkei gereist sein, das noch am selben Tag wieder abgeflogen sei. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf türkische Regierungskreise. Ein Freund Khashoggis, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Die türkische Polizei hat uns gesagt, dass er im Konsulat getötet wurde. (...) Sie haben ihn in kleine Stücke zerschnitten."

"Ob tot oder lebendig: Alles ist möglich"

Die türkischen Behörden glauben, dass der vermisste saudische Regimekritiker aus dem Konsulat gebracht wurde. Das sagte ein Berater von Präsident Recep Tayyip Erdogan, Yasin Aktay. Allerdings: Ob tot oder lebendig, das wisse er nicht, "alles ist möglich", sagte Aktay der Deutschen Presse-Agentur. "Wir glauben inzwischen nicht mehr, dass er noch drin ist." Aufnahmen der Straßenkamera zeigen, dass Autos mit verdunkelten Scheiben herausgefahren seien. Darin könnte er gewesen sein.

Berater Aktay sagte dem TV-Sender CNN Turk, die Behörden hätten konkretere Informationen zum Verschwinden Khashoggis. Dieser habe das saudische Konsulat jedenfalls nicht "auf dem normalen Weg" verlassen.

Seit Dienstag verschwunden

Khashoggi war am Dienstag verschwunden, als er im Konsulat seines Landes in Istanbul notwendige Unterlagen für seine Hochzeit besorgen wollte. Der 59-Jährige tauchte anschließend nicht wieder auf. Seine Verlobte, die vor dem Gebäude wartete, informierte daraufhin die Medien.

"Er hatte einen Termin im Konsulat, daher wussten sie, wann er da sein würde", sagte Aktay, der auch ein türkischer Vertrauter Khashoggis ist. Demnach vergewisserte sich Kashoggi vor seinem Besuch, ob die Papiere auch tatsächlich bereit seien. "Seine Freunde haben ihn gewarnt, dass es nicht sicher sei. Er sagte jedoch, in der Türkei könne ihm nichts passieren. Er vertraute darauf, dass so etwas in der Türkei unmöglich sei", so Aktay.

Erdogan schaltet sich persönlich ein

Inzwischen schaltete sich Erdogan selbst in den Fall ein und zeigte sich besorgt über das unklare Schicksal des Journalisten. Erdogan äußerte die Hoffnung, dass die Angelegenheit doch noch eine positive Wendung nimmt. Seine Erwartungen seien noch immer "positiv", sagte Erdogan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Er hoffe nicht, dass man mit einer "unerwünschten" Situation konfrontiert werde. Die Videoaufnahmen der Ein- und Ausgänge des saudischen Konsulats würden untersucht. "Wir wollen ein schnelles Resultat erreichen." Er verfolge die Entwicklungen in dem Fall aus nächster Nähe, sagte Erdogan.

Das saudiarabische Konsulat in Istanbul. | Bildquelle: AFP
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Im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul wollte Kashoggi Papiere für seine Hochzeit abholen - seitdem ist er verschwunden.

Dementi aus Saudi-Arabien

Ein Vertreter des Konsulats wies die "grundlosen Vorwürfe" gegenüber der saudi-arabischen Nachrichtenagentur SPA strikt zurück. Demnach hält sich ein Team von saudi-arabischen Ermittlern in der Türkei auf, um die türkischen Behörden zu unterstützen. Zuvor hatte Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman der Nachrichtenagentur Bloomberg gesagt, seiner Kenntnis nach habe Kashoggi das Konsulat nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Vor der türkischen Polizei hatte bereits die "Washington Post" berichtet, dass Khashoggi in Istanbul getötet worden sein soll. Es habe anscheinend einen Mordkomplott im Konsulat des saudischen Königreichs gegeben, meldete die Zeitung am Samstagabend unter Berufung auf die Vermutungen türkischer Ermittler. Khashoggi schrieb für die Zeitung.

Demonstranten halten Bilder des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi während eines Protestes vor dem saudiarabischen Konsulat in Istanbul. | Bildquelle: REUTERS
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Nach dem Verschwinden Kashoggis in Istanbul äußerten bei einer Protestkundgebung Vertreter der Reporterorganisation "Haus der arabischen Journalisten in der Türkei " sich besorgt über das Schicksal des prominenten Regierungskritikers.

Khashoggi hatte Königshaus kritisiert

Der Journalist war seit langem als Auslandskorrespondent und Kolumnist tätig. Er hatte das vergangene Jahr im selbst gewählten Exil in den USA verbracht. Grund war nach seinen eigenen Angaben, dass er Vergeltung für seine Kritik an der Politik seines Heimatlandes fürchtete. In Meinungsbeiträgen hatte der Journalist das saudi-arabische Königshaus und seine Politik unter Kronprinz Mohammed bin Salman angeprangert. Seine Kritik richtete sich unter anderem gegen die Verwicklung in den Krieg im Jemen, die diplomatischen Auseinandersetzungen mit Kanada und die Festnahme von Frauenrechtsaktivistinnen in Saudi-Arabien. "Im moment würde ich sagen, Mohammed bin Salman handelt wie Putin", schrieb Khashoggi im vergangenen Jahr.

Die Führung in Riad geht seit jeher mit harter Hand gegen Oppositionelle vor, Kritik wird kaum geduldet, von einer freien Presse kann keine Rede sein. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Saudi-Arabien auf Platz 169 von 180. Doch die Ermordung eines Kritikers im eigenen Konsulat wäre auch für Saudi-Arabien beispiellos.

Das Verschwinden Khashoggis dürfte die Spannungen zwischen den Regionalmächten Türkei und Saudi-Arabien weiter verschärfen. Die Beziehungen hatten sich vergangenes Jahr verschlechtert, nachdem die Türkei Truppen nach Katar entsandt hatte, das von Saudi-Arabien mit einem Embargo belegt wurde.

Saudischer Journalist in der Türkei angeblich getötet
Karin Senz, ARD Istanbul
07.10.2018 15:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Oktober 2018 um 12:00 Uhr.

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