Die beiden Angeklagten wurden in Nairobi zu langen Haftstrafen verurteilt. | Bildquelle: DANIEL IRUNGU/EPA-EFE/Shuttersto

Terrorprozess in Kenia Lange Haft für Angriff auf Einkaufszentrum

Stand: 30.10.2020 20:02 Uhr

Vor sieben Jahren griff die Terrorgruppe Al-Shabaab ein Einkaufszentrum in Nairobi an. 67 Menschen starben. Nun wurden zwei Tatbeteiligte verurteilt. Wie groß ist die Bedrohung heute?

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Heller Stein, gepflasterte Einfahrten, tropische Pflanzen: Das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobis Stadtteil Westlands gibt sich ganz als Einkaufstempel. Nur die besonders strengen Sicherheitsvorkehrungen vor der Tür fallen auf.

Passanten durchleuchten und Autos durchsuchen, für Nairobi wurde das nach dem Anschlag auf Westgate ganz normal, aber hier sind sie besonders genau. Es werden Hunde und besondere Detektoren eingesetzt. All das ist eine Folge der Tragödie vor sieben Jahren: Vier Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe Al-Shabaab griffen das Einkaufszentrum an. 67 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt, das Gebäude massiv zerstört. Der Sicherheitseinsatz dauerte vier Tage.

Der Westgate-Anschlag zeigte der Welt und den Kenianern, dass auch sie selbst direkt vom Terror bedroht waren. "Westgate war ein Meilenstein der kenianischen Geschichte", sagt Murithi Mutiga vom Think Tank International Crisis Group. "Vorher waren es westliche Ziele, die in Kenia angegriffen wurde. Westgate war der erste Anschlag auf kenianischem Boden, der die Kenianer selbst traf und eine Antwort auf die kenianische Politik war. Er führte zu erheblichen Änderungen in der Art, wie Menschen in Nairobi lebten." Bis heute.

Im September 2013 steigt Rauch über dem Westgate Einkaufszentrum auf. | Bildquelle: REUTERS
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Rückblick: Im September 2013 steigt Rauch über dem Westgate Einkaufszentrum auf.

Die Angst ist geblieben

Das zeigt sich auch am Einkaufszentrum selbst. Mittlerweile ist es wieder komplett geöffnet, aber viele Menschen in Nairobi können nicht vergessen, was 2013 geschehen ist. "Seit damals habe ich Angst und bin nicht mehr reingegangen", sagt Rosslyn Moenda. Eine Passantin ergänzt. "Ich glaube, es gab nicht viele Menschen in Nairobi, die niemanden kannten, der nicht irgendwie betroffen war. Du musstest damals sehr viele Telefonanrufe machen." Nun standen zwei Mittäter des Anschlags vor Gericht. "Mit dem Urteil heute bekommen die Opfer hoffentlich Gerechtigkeit", sagt Victor Ochieng.

Vor drei Wochen sind die beiden Angeklagten bereits schuldig gesprochen worden, sie sollen die Angreifer unterstützt haben. Es habe konstante Kommunikation per Telefon gegeben. Das nun verkündete Strafmaß: einmal 18 und einmal 33 Jahre. Die sieben Jahre Untersuchungshaft werden abgezogen. Ein dritter Angeklagter war freigesprochen worden.

"Am Ende wirst Du zur Rechenschaft gezogen, dass sollten Terroristen wissen", sagt Mwenda Mbijiwe, privater Sicherheitsberater in Nairobi: "Es hat gedauert, aber eines Tages erreichen Dich die Mühlen der Justiz."

Auch wenn es nun einen Prozess gegen Mittäter gegeben hat, vieles, das damals beim Anschlag geschehen ist, ist immer noch unklar. Die Regierung sagt offiziell, die vier Angreifer seien damals im Einkaufszentrum gestorben. Kenianische Journalisten werteten später das Material der Sicherheitskameras aus, und warfen viele Fragen zum Anschlag auf. Sie berichten auch, die Sicherheitskräfte hätten sich damals gegenseitig behindert.

Der Terror hat nicht aufgehört

Wichtig ist der Schuldspruch auch, weil Kenia immer noch Ziel von Attacken der Terrorgruppe ist. "Auf Busse, Schulen, in Einkaufszentren, in unseren Kirchen", sagt Mbijiwe. "Die Kenianer haben begriffen, sie sind im Krieg, gegen einen Feind, der kein Gesicht hat."

2015 starben mehr als 140 Menschen bei einer Attacke auf die Universität von Garissa. Im Januar 2019 wurde der Hotelkomplex DusitD2 in Nairobi angegriffen. Mehr als 20 Menschen starben. Hinter den Anschlägen steht die Terrorgruppe Al-Shabaab, sie stammt aus Somalia. Besonders das kenianische Grenzgebiet zu seinem Nachbarland ist immer wieder betroffen.

Im Gericht herrschten während des gesamten Prozesses strenge Sicherheitsvorkehrungen. | Bildquelle: DANIEL IRUNGU/EPA-EFE/Shuttersto
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Im Gericht herrschten während des gesamten Prozesses strenge Sicherheitsvorkehrungen.

Anschlag soll Friedensmission treffen

Laut der Terrorgruppe ist der Grund für die Angriffe auf die kenianische Bevölkerung der militärische Einsatz des Landes in Somalia. Im Rahmen der AMISOM, der Mission der Afrikanischen Union in Somalia, sind kenianische Truppen im Nachbarland im Einsatz. Die Mission soll die nationale Regierung stützen und das Land stabilisieren. Al-Shabaab fordert ihren Abzug.

Übersetzt heißt ihr Name die "Jugend". Seit mehr als zehn Jahren ist die Terrorgruppe in Somalia aktiv, will einen sogenannten Gottesstaat errichten. Derzeit kontrolliert sie große Teile im Süden und Land im Zentrum Somalias. "Al-Shabaab hat seine Stärke in weiten Teilen über die Jahre behalten, trotz der Tausenden von Soldaten, die in Somalia eingesetzt wurden, der Milliarden Dollar, die man ausgegeben hat", sagt Murithi Mutiga von der International Crisis Group. "Al-Shabaab ist nicht nur eine militante Gruppe, sie halten auch  Territorium. Und dort sind sie auch Akteure, regieren." Nach einer strengen Interpretation der Scharia, der Gesamtheit der islamischen Gesetze.

Die Lösung liegt in Somalia

Die Lösung für den Terror in Kenia und den Nachbarländern liege am Ende in Somalia, sagen Experten. Doch Somalia gilt als gescheiterter Staat. Die nationale Regierung und die Bundesstaaten ringen um Macht. Hinzu kommt Al-Shabaab. Die Terrorgruppe gilt als einflussreicher Akteur in der Region. Eine Lösung werde es am Ende nur mit ihnen, und nicht ohne sie, geben, glaubt Mutiga. "Gegen Organisationen wie diese eine militärische Lösung zu finden, ist schwierig. Die Tatsache, dass sie ihre Auflehnung so lange durchhalten, sagt uns, dass es kreativere Lösungen braucht." Al-Shabaab sei auch keine homogene Gruppe. Es würde sich lohnen, zu prüfen, ob es einen Teil gibt, mit dem man in einen Dialog treten kann.

Solange Kenia und auch seine Nachbarländer, wie Uganda, in Somalia aktiv sind, bleibt die Bedrohung. Die Kenianer haben sich angepasst. "Ich gehe weniger in die Malls", sagt eine junge Frau in Nairobi. "Du weißt nicht, wo es das nächste Mal passiert."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Oktober 2020 um 20:00 Uhr.

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