Doha | Bildquelle: dpa

Machtkampf in Nahost Weckruf für Katar

Stand: 17.04.2018 21:39 Uhr

Im vergangenen Jahr verhängte Saudi-Arabien eine Blockade über Katar. Wohl auch, um die Annäherung des Emirats an den Iran zu bestrafen. Doch der Plan der Saudis geht nicht auf.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Salat aus Holland, Äpfel aus China, Eier aus dem Oman - die Regale in den Supermärkten der katarischen Hauptstadt Doha sind gut gefüllt. Dazwischen: Melonen, Auberginen, Orangen aus dem Iran. Seit fast einem Jahr ist Katar auf die Versorgung unter anderem aus dem Iran angewiesen - denn der Haupt-Lebensmittellieferant, der große Nachbar Saudi-Arabien, hat jede Verbindung zu Katar gekappt. Das kleine Emirat am Golf lebt unter einer Blockade seiner direkten Nachbarn.

"Was dich nicht umbringt, macht dich stärker", sagt die junge Katarerin Fatima el Khater. "Es hat uns näher zusammenrücken lassen. Das ist der positive Effekt." Und zum Glück gebe es Nachbarn, die Katar nicht blockierten und so neue Handelswege ermöglichten. "Das bringt neue Geschmacksrichtungen und Produkte." Fatima el Khater sieht die Blockade betont gelassen. Sie weiß, wie sie an frische Lebensmittel kommt: Sie züchtet selbst Gemüse und Obst, verkauft es auf lokalen Märkten.

Fressmeile "Made in Katar"

Mehr als 100 Stände wurden in einem Park in der Innenstadt Dohas aufgebaut. Das sogenannte Food-Festival ist eine Fressmeile mit lokalen Produkten. Das Motto: Made in Katar. Der Nationalstolz hat bei den Bewohnern Katars seit der Blockade deutlich zugenommen. An vielen Häusern und Autoscheiben klebt das Konterfei des Emirs - als Zeichen der Standhaftigkeit in schweren Zeichen, sagen die Leute. Das Ziel: politisch und wirtschaftlich unabhängig von Saudi-Arabien und anderen Ländern zu werden - vor allem in der Lebensmittelversorgung.

Stallmanager Rami Hamad | Bildquelle: Anna Osius
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Stallmanager Rami Hamad: Projekt auf dem Weg zur Unabhängigkeit

Gigantisches Melk-Karussell

Eine Stunde Fahrtzeit außerhalb von Doha liegt Katars größtes Projekt auf dem Weg zur Unabhängigkeit: riesige Kuhställe, mitten in der Wüste. Insgesamt 20.000 Kühe der deutschen Rasse Friesisch-Holstein sollen hier bis Mitte des Jahres per Flugzeug und Schiff ankommen. So soll das Emirat bei Milchprodukten zum Selbstversorger werden.

Rami Hamad ist der Manager der Anlage. Er hat schon viele Erfahrungen mit den Schwarzbunten gemacht. "Die Kühe mögen die Routine, also gehen sie jeden Tag zur gleichen Zeit zum Melken, dreimal am Tag." Er unternimmt alles, damit sich die Kühe wohlfühlen. "Denn wenn sie glücklich sind, machen sie uns glücklich."

In gigantischen Melk-Karussells werden 400 Kühe gleichzeitig gemolken. Die Technik ist hochmodern, der Betrieb durchorganisiert und auf 20 Grad klimatisiert. Die Sonne sehen die Kühe nie. Die Baladna-Milch, so heißt die Marke "Made in Katar", gibt es bereits jetzt im Supermarkt zu kaufen.

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Katar soll Selbstversorger werden

"Unsere Mission ist, Katar zum Selbstversorger zu machen", sagt der Niederländer Peter Weltevreden, Geschäftsführer von Baladna. "Die Blockade war der auslösende Moment, und seitdem geht hier alles sehr schnell." Das Futter für die Kühe müsse aus der ganzen Welt importiert werden. "Aber wir haben Vorräte für sechs Monate - eine gigantische Investition." Die Blockade, so ist er überzeugt, war ein Weckruf für Katar.

Es geht um Unabhängigkeit - und um katarischen Stolz. Auch auf dem Basar mitten in Doha. In nahezu jedem Geschäft hängt ein Schild: "Ja zu Produkten aus Katar - und ja zu befreundeten Ländern". Es gibt daran keinen Zweifel, wer diese befreundeten Länder sind. Die Türkei ist ein enger Verbündeter Katars. Auch zum Iran pflegt Katar gute Beziehungen. Längst ist das Emirat nicht mehr der kleine Verbündete Saudi-Arabiens, sondern betreibt eine eigenständige Außenpolitik. Mit dem Iran teilt sich Katar ein Gasfeld und hat allein deswegen ein Interesse an stabilen Beziehungen.

Ein Jahr vor der Blockade habe Katar seine Beziehungen zum Iran abgebrochen, sagt Lulwah Al Khater, Sprecherin des Außenministeriums. "Als Zeichen der Solidarität mit Saudi-Arabien". Ausgerechnet Saudi-Arabien habe dann beschlossen, Katar zu blockieren - während der Iran den Himmel und den Seeweg für Katar geöffnet habe. "Wir haben die Beziehungen zum Iran wieder aufgenommen."

Lulwah al Khater, Sprecherin Außenministerium | Bildquelle: Anna Osius
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Lulwah al Khater, Sprecherin des Außenministeriums: "Wir haben die Beziehungen zum Iran wieder aufgenommen."

Vorwurf: Terroristenfinanzierung

Saudi-Arabien passt Katars Nähe zum Iran überhaupt nicht. Offizieller Grund für die Blockade war der Vorwurf, Katar finanziere Terroristen. Doch Beobachter vermuten, es ging auch darum, Katars Beziehungen zum Iran zu rügen. Der Plan ist jedoch nicht aufgegangen.

Im Gegenteil, sagt Gerd Nonnemann, Professor an der Georgetown University Doha: "Katar hatte immer eine Arbeitsbeziehung zum Iran aufgrund der geografischen Nähe und des gemeinsamen Gasfeldes." Der Iran sei aber nie als Freund betrachtet worden, sondern mehr als Partner mit dem man arbeiten könne. "Durch die Blockade ist die Verbindung natürlich enger und wichtiger geworden", sagt er. "Ich bezweifele, dass die Saudis das bedacht haben."

Professor Gerd Nonnemann | Bildquelle: Anna Osius
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Professor Gerd Nonnemann: Wo ist der Plan B in Riad?

Was ist der Plan B?

Jetzt fehlt aber nach Sicht der Professors der Plan B in Riad. "Das bedeutet nicht, dass wir jetzt eine neue Allianz zwischen Katar und dem Iran haben", sagt er. "Das wird es nie werden." Dafür stehe man beispielsweise im Syrienkrieg auf völlig gegnerischen Seiten. "Aber man hat realisiert, dass man bei bestimmten Dingen zusammenarbeiten kann."

Die Blockade - ein Eigentor der Saudis? Katar konnte sie wirtschaftlich jedenfalls weitestgehend gut auffangen. Dennoch: Spürbar sind die Auswirkungen der Blockade schon. Die meisten internationalen Geschäftsleute reisen heute nach Dubai. Vor der Blockade war ein Abstecher nach Doha problemlos möglich. Jetzt aber dauert es Stunden, weil es keine Direktflüge mehr nach Katar gibt. Hotel und Taxifahrer klagen über eine schlechtere Auslastung. Katar versuchte mit einer drastischen Öffnung zu reagieren: Visumsfreiheit für mehr als 40 Länder, ausgeweitete Kontakte nach Europa.

Gefährlich für Katar

Wann die Blockade aufgehoben wird, ist unklar. Denn der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran bleibt bestehen, vermutet Professor Nonnemann: "Das sind einfach die beiden großen Tiere der Region." Momentan sei der Konflikt jedoch unnötig aufgeheizt. "Und wenn das Atomabkommen mit dem Iran platzt, wird auch Saudi-Arabien nuklear aufrüsten", befürchtet er: "Das wäre sehr gefährlich, auch für Katar."

Die Eiszeit am Golf scheint weiterzugehen. Und im großen Machtspiel zwischen Saudi-Arabien und Iran versucht Katar vor allem eines: Nicht zum Spielball zu werden.

Katar und die Folgen der saudischen Blockade
Anna Osius, ARD Kairo
18.04.2018 05:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. April 2018 um 22:50 Uhr.

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