Karneval in Rio de Janeiro. | Bildquelle: REUTERS

Karneval in Rio Schrill, bunt und hart in der Kritik

Stand: 23.02.2020 11:02 Uhr

Farbenprächtig und laut - das ist der Karneval in Rio. Da gibt es aber noch viel mehr: Kritik an Politik und Kirche. Den Sambaschulen wurden die öffentlichen Zuschüsse gestrichen. Für sie ein Grund mehr, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Beim Karneval in Rio de Janeiro beginnt der traditionelle Wettstreit der Sambaschulen. Begleitet wird das zweitägige Spektakel in diesem Jahr vom Streit um den ultrarechten Präsidenten Jair Bolsonaro, der die brasilianische Bevölkerung tief gespalten hat. Er attackiert viele Themen, die den Karnevalisten wichtig sind: Diversität, Homosexualität, Umweltschutz und Kunst.

Die Gruppe Mangueira, Siegerin des Wettstreits im vergangenen Jahr, geht mit unverhüllter Kritik an Bolsonaro an den Start: Ihre Parade erzählt die Rückkehr von Jesus in eine der verarmten Favelas von Rio - mit schwarzem Gesicht, dem Blut der Ureinwohner und dem Körper einer Frau.

Große Empörung bei den Kirchen

Mangueira provoziert gern, dafür ist die Schule berühmt. Doch dieses Jahr ist die Stimmung hochgekocht wie noch nie: Ein schwarzer Jesus? Trägt er gar die Regenbogenflagge? Große Empörung bei den Kirchen, es gab Boykottaufrufe, Hetze im Netz und Unterschriftenaktionen. Der reaktionäre katholische Blogger Frederico Viotti ist empört: "Die Sambaschule Mangueira aus Rio de Janeiro betreibt Blasphemie und geht sogar soweit zu sagen, dass unser Herr den Körper einer Frau hat! Wir werden mit lauter Stimme sagen: Nein zu diesem kulturellen Marxismus, nein zu Mangueira, nein zur Verunstaltung von unserem Herrn Jesus Christus."

Der künstlerische Leiter der Mangueira-Schule, Leandro Vieira, bleibt gelassen: Sein Jesus stehe mit beiden Beinen in der Realität und bitte um Würde. Dass man damit in konservativen Kreisen anecke, zeige nur, dass man das richtige Thema angesprochen habe.

Tänzer der Sambaschule Mangueira bei ihrem Auftritt 2019. | Bildquelle: AFP
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Tänzer der Gruppe Mangueira bei ihrem Auftritt im vergangenen Jahr, wo sie beim Wettstreit der Sambaschulen die meisten Punkte bekommen hatten.

In diesem Jahr erstmals keine Zuschüsse

Besonders im Blick haben die Karnevalisten mit ihrer Kritik den Präsidenten und den umstrittenen Bürgermeister von Rio de Janeiro, Marcelo Crivella. Er ist zugleich Bischof einer der größten evangelikalen Gemeinden Brasiliens. Crivella hat den weltberühmten Karneval der Metropole seit seinem Amtsantritt 2016 immer wieder offen kritisiert und die finanziellen Zuschüsse von umgerechnet einst 5,8 Millionen Euro kontinuierlich gekürzt. In diesem Jahr erhalten die 13 Sambaschulen erstmals überhaupt kein Geld von der Stadt.

Damit bewirkte er eher allerdings das genaue Gegenteil, sagt Karnevalsexperte Aydano Motta:

"In den vergangenen Jahren ist der Karneval politischer geworden. Da sie keine öffentlichen Gelder mehr bekommen, müssen sie sich auch nicht mehr anbiedern. Gleiches gilt für große private Sponsoren. Ergebnis: Die Schulen lassen ihren Künstlerischen Direktoren freien Lauf und damit begann die Kritik."

Der Wettstreit um den Titel der besten Sambaschule ist organisiert in einem Liga-System. Es gibt Auf- und Absteiger wie beim Fußball. Die Wertung ähnelt allerdings eher der beim Eiskunstlauf mit Noten bis zu zehn Punkten.

Feministinnen klagen Gewalt an

Zwar nicht beim Wettstreit der Sambaschulen aber mit auf den Straßen ist die erste feministische Karnevalsgruppe Rios: der Bloco Mulheres Rodadas. Die Frauen tragen Federschmuck, knappe, bunte Spitzenröckchen oder glitzernde Bikinis – doch sie haben die Augen verbunden, stampfen im Gleichschritt wie eine Armee. Immer wieder schnellen ihre Arme nach vorne, mit zur Anklage ausgestrecktem Finger rufen sie im Chor: "Die Schuld lag nicht bei mir, egal was ich an hatte oder wo ich war." "Der Vergewaltiger bist du", skandieren die Frauen.

Die Performance stammt von Aktivistinnen aus Chile. Frauen in Berlin, Istanbul kopierten den Protestsong. Die Choreografie wurde zum Symbol für den weltweiten Kampf gegen Gewalt an Frauen – auch in Rio. Renata Rodriguez hat die Gruppe in der Metropole gegründet und erklärt: "Wir sind auf der Straße, unsere Körper sind auf der Straße. Aber das gibt niemandem das Recht, uns anzutatschen und zu belästigen. Genau das passiert aber immer wieder. Es gibt dieses Macho-Denken, dass Frauen Freiwild seien, dass man über sie bestimmen kann, gerade beim Karneval. Falsch! Über deinen Körper bestimmst du allein. Nein ist Nein."

Präsident als Frauenfeind

Mit der Performance zeigen die Frauen: Die Gewalt ist strukturell, sie gehört zum System, zur Kultur, sie sitzt in den Institutionen. Zugleich setzt die Regierung von Bolsonaro radikal den Rotstift an: bei Frauenhäusern, Beratungsstellen, Hilfe-Hotlines. Der rechte Präsident präsentiert sich offen als Frauenfeind, pöbelt und schikaniert.

Gerade in Brasilien sei es dringend notwendig, die Dinge beim Namen zu nennen, sagt Rodriguez. Gewalt gegenüber Frauen sei keine private Angelegenheit. "Unsere ganze Gesellschaft ist super gewalttätig gegenüber Frauen. Und der Karneval ist unsere Sprache des Widerstandes. Ein guter Karneval ist ein politischer Karneval."

Karneval in Rio: Wettbewerb der Sambaschulen beginnt
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires, zzt. Rio de Janeiro
23.02.2020 17:13 Uhr

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MIt Informationen von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Februar 2020 um 12:00 Uhr.

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