Migranten sitzen mit Mund-Nasen-Schutz nebeneinander. Sie sind über den Atlantik nach Gran Canaria gekommen. | Bildquelle: dpa

Flucht nach Europa Tausende Migranten stranden auf den Kanaren

Stand: 16.11.2020 05:00 Uhr

Die Flüchtlingssituation auf den Kanaren spitzt sich zu: Allein am Wochenende erreichten wieder mehr als 1000 Flüchtlinge die spanischen Inseln. Die Behörden und die Regierung sind zunehmend überfordert.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

Es sollen wieder knapp 2000 Menschen sein, die auf dem Pier im Hafen von Arguineguin auf Gran Canaria ausharren müssen. Eigentlich stößt das Aufnahmelager schon mit 400 Menschen an seine Grenzen. Von Weitem sieht man die Migranten gedrängt auf der Kaimauer sitzen, Polizisten und Ärzte laufen über das Gelände. Näher kommen Journalisten nicht ran: Polizisten weisen sie schon auf der Zufahrtsstraße ab.

Judith Sunderland durfte auf das Gelände. Sie ist stellvertretende Europa-Direktorin der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch". Jeweils 30 bis 40 Menschen seien in 14 engen Zelten untergebracht, in menschenunwürdigen Verhältnissen, sagt sie:

"Es gibt keine Betten, keine Kissen oder Matratzen. Die Menschen schlafen auf dem Boden. Sie haben eine Toilette für ein ganzes Zelt. Die Menschen dürfen sich nur im Zelt aufhalten oder in einem kleinen Bereich davor. Sie müssen also entweder in der erstickenden Atmosphäre drinnen sitzen - oder ungeschützt in der prallen Sonne."

Teilweise harren Flüchtlinge tagelang auf Pier aus

Hier auf dem Pier werden die Migranten auf das Coronavirus getestet. Wer positiv ist, wird isoliert. Die anderen werden in Sammelunterkünfte gebracht. Weil die knapp sind, teils auch in leerstehende Hotels. Einige harrten aber auch schon seit mehreren Tagen auf dem Pier aus, sagt Sunderland.

Es sind vor allem junge Marokkaner, die von den Schiffen an Land gehen. Aber auch aus Westafrika sind zuletzt immer mehr gekommen: aus dem Senegal, Guinea und den Krisenländern Elfenbeinküste oder Mali. Die Polizei mache bei ihnen keinen großen Unterschied, kritisiert die Sunderland:

"Es scheint, dass die Polizei jedem systematisch einen Ausweisungsbefehl in die Hand drückt - ohne, dass vorher die persönliche Situation der Betroffenen untersucht wurde. Die Polizisten verlangen, dass sie dieses Papier unterschreiben. In den meisten Fällen ist kein Übersetzer dabei, der den Menschen verständlich erklären könnte, was auf dem Zettel steht. Und ein Anwalt ist ebenfalls nicht anwesend."

Andere Fluchtrouten zunehmend versperrt

Das sind schwere Vorwürfe. Sicher ist: Die Behörden sind völlig überfordert. Mindestens 15.000 Migranten sind im Laufe des Jahres auf den Kanaren angekommen, so viele wie seit 2006 nicht mehr.

Ein Grund dafür: Die anderen Wege nach Europa sind versperrt. Der Weg über das Mittelmeer von Nordmarokko nach Südspanien ist wegen intensiver Kontrolle durch die Küstenwachen immer schwieriger geworden. Und auch an den spanischen Exklaven Ceuta oder Melilla gelangt kaum noch jemand über den Grenzzaun. Also führt der Weg wieder über die gefährliche Atlantikroute: Etwa von der Westsahara oder von Mauretanien aus auf die Kanaren.

Europa versuche, Cran Canaria in "Gefängnisinsel zu verwandeln"

Dort fühlen sich viele von Spanien und Europa allein gelassen. Zum Beispiel Antonio Morales, Inselpräsident von Gran Canaria: "Ich denke, dass Europa die klare Strategie verfolgt, uns in eine Gefängnisinsel zu verwandeln. So, wie es in Lesbos oder in Lampedusa geschehen ist, in Ceuta oder in Melilla. Sie denken sich: Die Menschen kommen nicht zu mir aufs Festland - wir halten sie auf den Inseln zurück. Wir verwandeln diese Gebiete in abschreckende Gefängnisse."

Die spanische Regierung versichert, dass die Situation für sie Priorität habe. Die Ministerin für die Zusammenarbeit mit den Regionen, Carolina Darias, reiste am Freitag auf die Kanaren. Dort versprach sie, Militärgelände zu öffnen, um Migranten zu beherbergen. Das Aufnahmelager im Hafen soll bald schließen. Migranten, die nicht in einer Situation der "Verwundbarkeit" seien, sollen konsequent zurück nach Afrika geschickt werden. Dafür sollen laut Darias "die Kapazitäten unserer Sicherheitskräfte erhöht werden", auf der anderen Seite setze die Regierung "auf die Diplomatie mit den Herkunfts- und Transitländern, um durch eine stärkere Entwicklungszusammenarbeit die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern".

Millionen für den Grenzschutz der Herkunftsländer

Innenminister Fernando Grande-Marlaska will in dieser Woche nach Marokko reisen, um mit der dortigen Regierung zu sprechen, wie man die Krise in den Griff bekommen kann.

In Spanien weiß man schon seit Jahren, dass es ohne die Hilfe der Herkunftsländer nicht geht. Und auch, dass diese Hilfe ihren Preis hat: Im vergangenen Jahr hat Spanien 26 Millionen Euro überwiesen, damit Marokko seinen Grenzschutz besser ausrüsten kann, etwa mit Geländewagen. Ein Teil der insgesamt 140 Millionen, die die Europäische Kommission Marokko für die Grenzsicherung zugesagt hatte.

Hotspot Kanaren: Spanien und das Migrationsproblem
Marc Dugge, ARD Madrid
15.11.2020 20:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. November 2020 um 06:20 Uhr.

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