Leuchtturm in Louisbourg auf der Insel Cape Breton, Kanada (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / All Canada Ph

Rechte Kolonie in Kanada Cape Breton fürchtet um sein Ansehen

Stand: 26.07.2020 21:17 Uhr

Vor einigen Tagen wurde breit berichtet, dass eine rechte Gruppe im Osten Kanadas eine deutsche Kolonie von Gleichgesinnten aufbauen will. Die Menschen in der Region sind entsetzt. Sie fürchten um ihren Ruf.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Es gibt viel Natur. Es gibt guten Lachs. Es gibt 14 Einwohner pro Quadratkilometer. Und jetzt gibt es große Sorge auf Cape Breton, sagt Lokaljournalistin Joan Baxter. "Die Leute sind regelrecht in Panik versetzt", erzählt sie. Ein "Spiegel"-Bericht über die Machenschaften dubioser Einwanderer schockiert Kanadier wie Deutsche in diesem Atlantik-Zipfel der Provinz Nova Scotia. Baxter hat ihn für den "Halifax Examiner" übersetzt.

Ihr ging es so wie den meisten: "Ich wusste absolut nichts davon, dass es hier Deutsche mit rechter Gesinnung gibt, die Grundstücke an- und verkaufen." Doch nach und nach können Anwohner bestätigen, dass da etwas Merkwürdiges vor sich ging auf dem Seminargelände der sogenannten "Wissensmanufaktur".

Ein Fischerboot liegt an einem Steg in Louisbourg auf der Insel Cape Breton, Kanada (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / All Canada Ph
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Viele Einwohner auf der Insel sind schockiert über die Berichte und hoffen, dass die Behörden eingreifen.

Akademie-Gründer spricht von "Kriegszuständen" in Deutschland

Gründer der rechtsgerichteten Akademie sind Untergangsprophet Andreas Popp und seine Lebensgefährtin Eva Herman. Die ehemalige tagesschau-Sprecherin ist ins rechte Milieu abgedriftet. Gemeinsam verbreiten sie ihre Weltanschauungen über einen Videokanal. "Wir leiden ja alle unter dieser hybriden Kriegsführung, die wir zur Zeit erleben müssen", sagt Popp dort etwa. "Wir haben ja fast Kriegszustände."

Mehrmals im Jahr laden sie zu Seminaren in ihr sogenanntes Refugium nach Cape Breton ein. Auch Renate Sedlmeier hat davon gehört. Sie ist lizenzierte Einwanderungsberaterin für die Deutsch-Kanadische Industrie- und Handelskammer in Toronto. Eine Person, die daran teilgenommen habe, habe ihr mitgeteilt, "dass das ja wohl alles ein bisschen komisch ist, dass das alles dubios ist".

Vermittelt werde die Botschaft: Es sei Zeit, Deutschland zu verlassen, wo alles nur schlimmer wird. Wie schlimm, erklärt Popp auf seinem Kanal: "Wir haben einen zu erwartenden Blackout. Wir haben eine Invasion von der arabischen Seite zurzeit." Herman ergänzt: "Und das ist nicht nur arabisch, sondern eine arabisch-afrikanisch-asiatische Invasion."

Ideologische Beeinflussung inklusive

Die Reisen werden mit Seminar und Unterkunft gebucht - und Rundumbetreuung. Wiederholt hört Sedlmeier von Teilnehmern, es fühle sich an "wie eine Kaffeefahrt" - eine Kaffeefahrt, auf der über Grundstückskäufe und Einwanderung gesprochen wird. Die Verkäufer werden gleich mitgeliefert, rechtes Gedankengut inklusive.

Die Grundstücke seien gnadenlos überteuert, sagt Journalistin Baxter. "Ich kann verfolgen, was die Grundstücke dieser Leute wert sind. Und ich höre, dass sie das Land diesen armen, naiven Deutschen - ich sage mal Opfern -, die den Traum haben, nach Kanada auszuwandern, zu horrenden, aufgeblasenen Preisen verkaufen."

Klippen am Cape Smokey auf der Insel Cape Breton, Kanada (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / All Canada Ph
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Cape Breton ist ein beliebtes Auswanderungsziel für Deutsche.

Strenge Einwanderungsregeln in Kanada

Dazu kommt das falsche Versprechen, dass Einwandern nach Kanada ein Leichtes ist. Einige Enttäuschte musste Expertin Sedlmeier bereits auf den Boden der Realität bringen. "Jeder muss sich an die Visa- und Einwanderungspflichten halten. Wenn sich der Antragsteller nicht qualifiziert, dann kommt er auch nicht rein."

Unklar ist, wie viele Zuzügler die Truppe um Herman und Popp schon angeworben hat. Das Naturparadies Cape Breton zieht seit eh und je viele Deutsche an. Das Klima ist mild und trocken, die Grundsteuern sind niedrig. Mit dem Flugzeug sind sie in sieben Stunden von Frankfurt in Halifax.

Die ansässigen Kanadier hätten die deutschen Zuwanderer immer gern integriert, sagt Baxter. "Das ist hochemotional. Meine deutschen Nachbarn und Freunde fürchten, dass ihre Reputation unter all dem leidet. Und Cape Breton fürchtet um sein Ansehen als wunderbarer Ort, um dort zu leben."

Herman und Popp dementieren

Alle hofften nun darauf, dass die Behörden auf beiden Seiten tun, was sie können, um der Sache nachzugehen. Herman und Popp dementierten die Vorwürfe jedoch. In einem Brief auf ihrer Website drohten sie mit rechtlichen Schritten. Den Brief schickten sie auch an den "Halifax Examiner". Doch der hielt stand - und löschte den Artikel nicht von seiner Seite. Den Reisebetrieb und die Seminare der "Wissensmanufaktur" hat zumindest die Corona-Pandemie erst einmal lahmgelegt.

Kaffeefahrt nach Kanada: Rechte Gruppe wirbt Deutsche an
Antje Passenheim, ARD New York
26.07.2020 17:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2020 um 06:37 Uhr.

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