Afghanische Sicherheitskräfte patrouillieren in Autos. | Bildquelle: WATAN YAR/EPA-EFE/Shutterstock

Vormarsch der Taliban Weiter heftige Kämpfe in Südafghanistan

Stand: 21.10.2020 12:06 Uhr

In der afghanischen Provinz Helmand sind die Taliban auf dem Vormarsch, es kommt weiter zu heftigen Gefechten. Auch in anderen Teilen des Landes gibt es Angriffe - und viele Opfer.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Die südafghanische Provinz Helmand ist seit Jahren Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen den Taliban und den Regierungstruppen, die ihrerseits von US-Soldaten unterstützt werden. Nach dem Ende des NATO-Kampfeinsatzes im Jahr 2014 und dem Abzug des größten Teils der ausländischen Streitkräfte hatten die Taliban die Kontrolle über weite Teile der Provinz übernommen. Zwölf von 14 Bezirken waren laut einem Bericht des Afghan Analysts Network Taliban-Gebiet, als vor rund drei Jahren die USA ihre Truppenpräsenz dort wieder verstärkten, um die Eroberung der Provinz-Hauptstadt Lashkargarh zu verhindern.

Seit knapp zwei Wochen steht die strategisch wichtige Region erneut im Mittelpunkt heftiger Kämpfe. Trotz des Waffenstillstands-Abkommens, das die USA Ende Februar mit den Taliban geschlossen haben, ist sogar die US-Luftwaffe im Einsatz, um die afghanischen Regierungstruppen gegen den Vormarsch der Taliban auf Lashkargarh zu unterstützen.

Tausende Familien sind auf der Flucht. In den Krankenhäusern der Provinzhauptstadt herrscht Hochbetrieb, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen war. "Man kann keine Verbesserung der Lage erkennen", sagt Marco Puntin, der Koordinator einer Hilfsorganisation. "Es wird weiter gekämpft, die Straßen sind weiterhin gesperrt und voller Minen."

"Ein unverzeihliches Verbrechen"

Nicht nur die Provinz Helmand ist betroffen. Nach Angaben des afghanischen Innenministeriums gab es allein in diesem Monat landesweit knapp 600 Angriffe der Taliban auf Sicherheitskräfte und Einrichtungen der Regierung. Dabei seien auch 180 Zivilisten getötet und 375 verletzt worden, berichtete der Fernsehsender TOLO News.

In der zentralafghanischen Provinz Ghor waren am vergangenen Wochenende 12 Zivilisten ums Leben gekommen und mehr als 100 verletzt worden, als eine Autobombe vor dem Polizeihauptquartier explodierte. "Mehrere Geschäfte und Regierungsgebäude wurden zerstört", sagt Abdul Hameed Nateqi, Mitglied des Provinzrates. "Alle Opfer waren Zivilisten. Wir verurteilen diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wir rufen alle Länder, die diese Terroristen unterstüzen, dazu auf, das endlich zu beenden."

Tariq Aryan, der Sprecher des afghanischen Innenministeriums in Kabul, sagt: "Die Terroristen haben ihre Verbrechen gegen das afghanische Volk fortgesetzt und ein Auto voll mit Sprengstoff vor der Behörde für Frauen und Behinderte ganz in der Nähe des Polizeihauptquartiers von Ghor in die Luft gesprengt. [...] Das ist ein unverzeihliches Verbrechen."

US-Abzug angekündigt

Ob die heftig umkämpfte südafghanische Provinzhauptstadt Lashkargarh gehalten werden kann, wenn die US-Truppen - wie von Präsident Donald Trump angekündigt - bis Ende des Jahres vollständig abziehen, ist fraglich. Die Sicherheit des Landes liege dann allein in der Hand der afghanischen Regierungstruppen, sagte der US-Kommandeur in Afghanistan, General Scott Miller, in einem BBC-Interview. "Es ist nicht eine Frage, ob die afghanischen Sicherheitskräfte bereit dafür sind - sie müssen bereit sein. Und ich glaube, sie haben verstanden, dass sie künftig alleine für die Sicherheit des afghanischen Volkes sorgen müssen."

Ungeachtet der Lage in Afghanistan, werden möglicherweise schon bald wieder abgelehnte Asylbewerber aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben. Die Abschiebeflüge waren wegen der Corona-Pandemie und der Einstellung des Flugverkehrs mehrere Monate ausgesetzt worden. Das afghanische Flüchtlingsministerium will jetzt aber Sammelabschiebungen wieder genehmigen.

Kämpfe in der afghanischen Provinz Helmand
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
21.10.2020 11:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Oktober 2020 um 13:18 Uhr.

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