Zwei Jungen mit Kippa sitzen auf einer Treppe. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Antisemitismus in Europa Schikane ist Alltag

Stand: 27.01.2020 13:29 Uhr

Seit Jahren nimmt die Gewalt gegen Juden in Europa zu. Belästigungen und Schikane gehören zum Alltag. Die Grünen und die zuständige EU-Beauftragte fordern nun, im Kampf dagegen schon in den Schulen anzusetzen.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Mehr als 16.000 jüdische Menschen in zwölf europäischen Ländern wurden nach ihren Erfahrungen gefragt. Fast 89 Prozent zogen eine erschütternde Bilanz: Der Antisemitismus habe in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Ein Drittel der Befragten berichtete über Gewalttaten, Diskriminierungen und Herabwürdigungen.

"Das ist die Herausforderung, die dann dazu führt, dass die Menschen überlegen: Will ich das? Will ich hier meine Kinder groß ziehen? Will ich überlegen müssen, kann ich jetzt aus dieser U-Bahn-Station herausgehen oder nehme ich lieber die nächste, weil es dann sicherer ist. Das ist inakzeptabel."

Das sagt Katharina von Schnurbein, sie ist EU-Beauftragte für die Bekämpfung von Antisemitismus. Nach der Studie hatten sich die Regierungen verpflichtet, die Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen, das erkennt die EU-Beauftragte an.

Katharina von Schnurbein, die EU-Beauftragte für die Bekämpfung von Antisemitismus. | Bildquelle: REUTERS
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Die EU-Beauftragte für die Bekämpfung von Antisemitismus, von Schnurbein, fordert "eine Normalisierung des jüdischen Lebens im öffentlichen Leben".

Aber für die jüdischen Gemeinden habe sich die Situation noch nicht verbessert: "Was wir wirklich brauchen: eine Normalisierung des jüdischen Lebens im öffentlichen Leben."

Belästigungen und Schikane sind Teil des Alltags

Von einer Normalisierung sind viele jüdische Familien weit entfernt. Es kann lebensgefährlich sein, am Gottesdienst teilzunehmen - das war die Lehre nach dem Anschlag von Halle. Belästigungen und Schikanen seien Teil des Alltags jüdischer Menschen, belegt die Studie. Die befragten Juden beschrieben, mit welchen Aussagen sie regelmäßig konfrontiert werden. Juden hätten zu viel Macht im Land, ist eine solche Aussage. Oder die Behauptung, der Holocaust werde übertrieben, er sei nur ein Mythos.

In Deutschland würden die Sicherheitsbehörden noch viel zu selten den Rechtsbruch erkennen, der dahinter stehen könne, sagt Sergey Lagondinsky. Er sitzt für die Grünen im Europaparlament und kümmert sich um die Rechte der Minderheiten in Europa. "Das ist sehr häufig, dass ich das erlebe. Es kommen Menschen, die werden einfach nicht verstanden von den Polizisten, wenn sie eine Anzeige erstatten. Oder von den Staatsanwälten, mit denen sie sprechen. Dass sie gerade beschimpft wurden, und sie der Meinung sind, dass das eben ein antisemitischer Angriff war."

Die meisten Straftaten werden nicht gemeldet

Lagondinsky fordert gezielte Fortbildung für Richter und Staatsanwälte, da sieht er Handlungsbedarf in Deutschland. Die meisten Straftaten werden bisher gar nicht gemeldet. 80 Prozent der Befragten gaben in der europaweiten Umfrage an, dass sie auf eine Anzeige verzichten, weil sie das Gefühl haben, von den Behörden nicht ernst genommen zu werden.

Auf die Frage nach den Tätern gaben in Deutschland 41 Prozent an, es seien Menschen mit extremen islamischen Ansichten gewesen. Die Studie macht aber auch deutlich, dass die große Mehrheit der Befragten ihre Lage differenziert betrachtet und die Angaben nicht als islamfeindliche Haltung verstanden sehen will. Viele betonten, mit Sorge auf die wachsende Intoleranz auch gegenüber Muslimen zu blicken.

Angesetzt werden müsste schon in den Schulen

Der Grünen-Abgeordnete Lagodinsky sieht wie die EU-Beauftragte von Schnurbein die Schule als den Ort, an dem viel gezielter angesetzt werden muss. "Natürlich müssen wir auch in den Schulen dafür sorgen, dass normales jüdisches Leben, der jüdische Alltag, Teil der Schul-Curricula sein wird. Da, wo es möglich ist, auch Begegnungen stattfinden mit der nächsten jüdischen Gemeinde um die Ecke. Dass wir nicht ständig, wenn überhaupt, über tote Juden reden", sagt Lagodinsky.

Wie erlebt Sergey Lagodinsky selbst Antisemitismus? Immer wieder, sagt der Grünen-Politiker, der als 17Jähriger mit seiner jüdischen Familie aus der Sowjetunion in den Westen kam:"Das neueste Beispiel ist, dass ich in einem Interview mit einem ungarischen Medium befragt wurde über verschiedene Themen, über die Kandidaten für die EU-Kommissare. Und dann am Schluss ziemlich unvermittelt gefragt wurde, ob ich irgendwann nach Israel auswandere. Wo ich baff war."

Dann habe der Journalist die Frage nachgeschoben, wie Lagodinsky denn zur Politik des israelischen Ministerpräsidenten Netanyahu stehe - obwohl er für dieses Thema gar nicht zuständig sei.

" Das sind Erlebnisse, wo ich sehe, einerseits Unbeholfenheit der Anderen, aber andererseits auch ein gewolltes oder ungewolltes Reproduzieren der alten Stereotypen."

75 Jahre danach: Antisemitismus nimmt in Europa zu
Helga Schmidt, (ARD, Brüssel)
27.01.2020 09:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Januar 2020 um 06:46 Uhr.

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