Boris Johnson verlässt seinen Amtssitz in der Downing Street. | dpa

Johnson unter Druck Verbotene Party während der Pandemie?

Stand: 11.01.2022 14:55 Uhr

Eine Weihnachtsfeier während der Pandemie wird bereits untersucht. Nun bringt eine E-Mail - eine Einladung zur Gartenparty - den britischen Premier Johnson zunehmend in Bedrängnis. Die Polizei ermittelt, ob gegen Corona-Auflagen verstoßen wurde.

Mai 2020: In Großbritannien gelten strenge Corona-Auflagen. Schulen, Kneipen und Restaurants sind geschlossen, nur zwei Personen dürfen sich im Freien treffen. Das hatte die britische Regierung verfügt. Doch an diese Auflagen gebunden fühlt sich 10 Downing Street offenbar nicht. Eine E-Mail, die der Sender ITV nun veröffentlichte, bringt Premier Boris Johnson weiter in Bedrängnis.

Denn für den Abend des 20. Mai soll Johnsons Büroleiter Martin Reynolds mehr als 100 Personen per E-Mail eingeladen haben. Reynolds rief die Mitarbeiter in der von ITV zitierten E-Mail auf, nach einer hektischen Zeit, das Beste aus dem schönen Wetter zu machen und sich am Abend zu Drinks mit Abstand im Garten von 10 Downing Street zu treffen. "Es geht um 18 Uhr los, bringt Euren eigenen Alkohol mit", stand laut ITV in der Einladung zur Party mitten in der Pandemie. ITV zufolge waren etwa 40 Mitarbeiter dabei, darunter Johnson selbst und seine damalige Lebensgefährtin und heutige Ehefrau Carrie.

Der Nachrichtenagentur AFP zufolge ermittelt die Londoner Polizei in dem Fall. In einer Erklärung der Polizei vom Montagabend hieß es zu der Gartenparty, es sollten mögliche Verstöße gegen die damals geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geprüft werden. Gesundheitsminister Ed Argar bestätigte, dass es auch eine weitere Untersuchung dazu gebe.

"Es gibt keine Möglichkeit, sich zu distanzieren"

Britische Medien und die politische Opposition zeigten sich angesichts der neuesten Enthüllungen empört: "Dies ist die schlimmste Bloßstellung, die der Premierminister jemals aufgrund dieser Durchstechereien erlebt hat. Es gibt keine Erklärung. Es gibt keine Möglichkeit, sich zu distanzieren", zitiert der "Guardian" ein Kabinettsmitglied. "Seine einzige Rettung wäre, wenn sich die Öffentlichkeit nicht mehr darum scheren würde."

"Genug, Boris! Beende dieses lächerliche Party-Gate jetzt", schrieb etwa der "Daily Express", der die konservative Regierung normalerweise eher unterstützt.

Die Opposition warf Johnson vor, Parlament und Öffentlichkeit belogen zu haben. "Dies passt ins Muster, dass sie die Wahrheit verheimlichen und dann anfangen zu lügen, wenn die Dinge ans Licht kommen", sagte die Labour-Politikerin Emily Thornberry der BBC. Ihr Kollege Ed Miliband stellte im Sender Sky News die rhetorische Frage, ob Johnson angesichts der Vorwürfe noch in der Lage sei, das Land durch die Pandemie zu führen. "Wie kann er die Leute dazu bringen, den Gesundheitsratschlägen der Regierung zu folgen, wenn er so eklatant gegen die Regeln verstoßen hat?", fragte Miliband.

BBC-Reporterin Laura Kuenssberg kommentierte: "Es gibt kein Entkommen für No 10 vor den Party-Vorwürfen." Im Garten von Johnsons Amtssitz seien für Drinks, Chips und Wurströllchen lange Tische aufgebaut gewesen.

Das Parlament setzte kurzfristig eine Dringlichkeitssitzung an, bei der die Regierung Rede und Antwort stehen sollte. Der Premier selbst war nicht anwesend.

Untersuchung schon wegen Weihnachtsfeier

Johnsons Regierung war bereits mehrfach wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die selbst verordneten Corona-Regeln in der Öffentlichkeit und auch in den eigenen Reihen scharf in die Kritik geraten. Der Beamte Simon Case war mit der Untersuchung einer möglichen Weihnachtsfeier von Johnsons Mitarbeitern mitten im Corona-Lockdown im Dezember 2020 beauftragt worden. Weil es in dessen Abteilung Medienberichten zufolge aber ebenfalls verbotene Weihnachtsfeiern gegeben hatte, wurde er später durch Sue Gray ersetzt.

Gray wird nun auch die Garten-Party im Mai 2020 "unabhängig" untersuchen, wie Gesundheitsminister Argar dem Sender Sky News sagte. Auf das Ergebnis wartet das politische London nun voller Spannung.

Johnson hatte wiederholt beteuert, seine Mitarbeiter hätten nicht gegen Corona-Richtlinien verstoßen. Als ein internes Video aus dem Dezember 2020 zeigte, wie enge Mitarbeiter des Premiers über die Vertuschung einer Weihnachtsparty scherzten, betonte Johnson im Parlament: "Ich kann verstehen, wie wütend es macht zu denken, dass die Leute, die die Regeln festgelegt haben, die Regeln nicht befolgt haben, weil ich auch wütend war." Nun könnten seine Worte aus dem Dezember 2021 für Johnson selbst Folgen haben.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Januar 2022 um 14:09 Uhr.