Boris Johnson | Bildquelle: AFP

Kampf um Tory-Vorsitz Johnson wagt sich aus der Deckung

Stand: 25.06.2019 13:21 Uhr

Im Kampf um die Nachfolge von Premierministerin May in Großbritannien ist Boris Johnson trotz seiner Favoritenrolle auffallend passiv. Nun gab er der BBC ein längeres Interview. Das Resultat ist mager.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Studio London

Der Auftritt am Wochenende in Birmingham vor den Parteimitgliedern - das war bisher alles, was von Boris Johnson im Rennen um die May-Nachfolge zu sehen war. Einer direkten Konfrontation mit seinem Konkurrenten Jeremy Hunt wich der Favorit lange aus. Hunt allerdings ließ nicht locker, reist durchs ganze Land, gibt ein Interview nach dem anderen, twittert pausenlos - und hat dabei vor allem eine Botschaft: Boris Johnson sei ein Feigling, er solle endlich aus der Deckung kommen. Man könne nicht Premierminister werden, ohne die klaren Fragen zu beantworten, wie man mit der Brexit-Krise umgehen wolle. 

 Johnson stellt sich - ein bisschen

Conservative leadership contender Boris Johnson leaves after giving a radio interview in central London on June 25, 2019. - Boris Johnson, the favourite to replace British Prime Minister Theresa May, has acknowledged that London would need cooperation from the European Union to cushion potential shocks in the event of a no-deal Brexit. (Photo by Tolga AKMEN / AFP | Bildquelle: AFP
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Abfahrt nach dem BBC-Interview: Boris Johnson

Hunts Taktik zeigt jetzt Wirkung. Johnson stellte sich einem längeren Interview der BBC. In der Sache nicht viel Neues, aber immerhin - die Zuschauer und Hörer konnten nun erleben, wie sich der frühere Außenminister und frühere Londoner Bürgermeister verhält, wenn er hart befragt wird. Das mit Brüssel ausgehandelte Austrittsabkommen sei tot. Und die in dem Abkommen ausgehandelte Zahlung von gut 40 Milliarden Euro an Brüssel wolle er mit "kreativer Mehrdeutigkeit" behandeln.

 Viele offene Fragen

Zahlen oder nicht, das blieb damit offen. Wie auch vieles andere. Für das irische Grenzproblem gebe es technische Lösungen. Wie die aussehen, sagte Johnson nicht. Darüber will er mit der EU auch erst nach dem Austritt verhandeln, in der Übergangsphase zu einem Freihandelsabkommen - wozu Brüssel aber ohne vorherigen Austrittsvertrag nicht bereit ist.

Doch Johnson hofft einfach auf eine größere Kooperationsbereitschaft der EU, wenn er erst einmal in der Downing Street sitzt. Er verspricht den Konservativen und den Brexit-Anhängern jedenfalls, dass das Land am 31. Oktober austritt, notfalls auch ohne Abkommen.

Johnson zeigte sich zuversichtlich, dass sich auch das Parlament einem No-Deal-Brexit am Ende nicht widersetzen werde. Die Aussicht auf einen harten Bruch mit der EU könnte aber auch schnell zum Sturz eines Premierministers Johnson führen. Denn zusammen mit den nordirischen Protestanten haben die Konservativen nur eine hauchdünne Mehrheit im Unterhaus.

Auch bei den Tories ist Johnson nicht unumstritten

EU-freundliche Konservative erklären, dass bei einem drohenden No-Deal-Brexit rund ein Dutzend Tories ein Misstrauensvotum der Opposition gegen Johnson unterstützen werde - was locker ausreichen würde, um den Premierminister zu stürzen. Auch der frühere Schatzkanzler Ken Clarke würde dann gegen seinen Parteikollegen stimmen. Clarke hält ohnehin nichts von Johnson - er sei der hoffnungsloseste und unverantwortlichste Außenminister gewesen, den die britischen Parteien jemals hervorgebracht hätten.

 Kein Kommentar zu Privatem

Johnson musste sich auch erneut die Frage gefallen lassen, was denn in der vergangenen Woche los gewesen sei, als nach einem lautstarken Streit mit seiner Freundin die Polizei anrücken musste. Dazu sage er nichts, erklärte der mögliche neue Premierminister. "Ich halte mich seit Jahren an die Regel, nicht über meine Familie und Angehörige zu reden."

Immerhin - Johnson ist jetzt wieder in der Öffentlichkeit, er tourt heute erst einmal durch den Südosten Englands, geht in Betriebe und auf Marktplätze. Das Fernsehduell mit seinem Konkurrenten Hunt, dass am Abend stattfinden sollte, sagte er allerdings ab. 

Tory-Vorsitz: Boris Johnson kommt aus der Deckung
Jens-Peter Marquardt, ARD London
25.06.2019 13:11 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 25. Juni 2019 um 13:00 Uhr im Mittagsecho.

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