Ahok | REUTERS

Wahlen in Jakarta Das Ende der Toleranz?

Stand: 28.03.2021 15:49 Uhr

Bisher gilt Indonesien als Beispiel eines toleranten Islam. Doch der Blasphemieprozess gegen den christlichen Gouverneur von Jakarta zeigt den wachsenden Einfluss der Radikalen. Die Gouverneurswahlen in der Hauptstadt werden zum Prüfstein der Toleranz.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Südostasien

"Ungläubiger" rufen die ganz in weiß gekleideten Männer der "Islamischen Verteidigungsfront". Oder auch: "Sperrt ihn ein". Basuki Tjahaja Purnama - genannt Ahok - der Gouverneur von Jakarta - kämpft nicht nur um sein Amt, sondern auch um seine Freiheit. Denn die Wahl zum Regierungschef der Metropolregion Jakarta mit ihren fast 30 Millionen Einwohnern ist überschattet von einem spektakulären Blasphemieprozess.

Holger Senzel ARD-Studio Singapur
Entscheidung erst in Stichwahl

Die Entscheidung über den künftigen Gouverneur Jakartas fällt vermutlich erst in einer Stichwahl. Im ersten Wahlgang entfielen ersten Schätzungen zufolge etwa 42 Prozent auf Amtsinhaber Purnama. Damit hätte er die erforderliche Mehrheit von 50 Prozent deutlich verfehlt.

Dahinter folgt demnach Ex-Erziehungsminister Baswedan mit etwa 39 Prozent. Der dritte Kandidat und Sohn eines früheren Präsidenten, Yudhoyono, erreichte 17 Prozent. Das amtliche Endergebnis wird erst gegen Ende des Monats erwartet. Die Stichwahl wird für den 19. April erwartet.

Ahok, als Christ und gebürtiger Chinese Vertreter gleich zweier Minderheiten, steht vor Gericht, weil er den Koran beleidigt haben soll. "Es kann nur eine Strafe geben, Ahok muss sofort hinter Gitter, nur das wird der Gerechtigkeit Genüge tun", fordert Ahmed Sujahada von der "Islamischen Verteidigungsfront".

Die radikalen Muslime hatten schon früh gegen Ahoks Wiederwahl Stimmung gemacht. Der Koran, so argumentierten sie, verbiete es Gläubigen, einen Nicht-Muslim als Anführer zu haben. Ahok bestritt dies und warnte davor, den Koran für politische Zwecke zu missbrauchen. Das genügte für eine Anklage wegen Gotteslästerung - und die Justiz hatte keine Wahl, als den Prozess gegen den Gouverneur zu eröffnen.

"Einheit in Vielfalt" in Gefahr

Seitdem demonstrieren regelmäßig Gegner und Anhänger von Ahok vor dem Gerichtsgebäude in Jakarta. Die Stimmung ist aggressiv, ein massives Polizeiaufgebot mit Stacheldrahtsperren trennt die gegnerischen Lager voneinander. Der Riss geht quer durch die gesamte Gesellschaft, spaltet selbst Freundeskreise.

Die "Einheit in Vielfalt" - Leitmotiv im 250 Millionen-Staat-Indonesien - steht auf der Kippe, fürchtet die Geschäftsfrau Muti: "Ich fühle mich so verloren. Es scheint, dass wir wieder zurückfallen in düstere Zeiten, die wir längst überwunden hatten. Wo es keine Sicherheit gibt und wir nicht wissen, ob wir der Regierung trauen können. Und wir waren doch so tolerant. Geduldig mit Andergläubigen und voller Respekt. Wieso sollen wir das jetzt verlieren? Hunderte Jahre der Toleranz zerstören?"

Ahok ist eigentlich ein Mann von Joko Widodo, doch der indonesische Präsident - einst als Obama Südostasiens gefeiert - schweigt zu dem Fall. In der gegenwärtigen aufgeheizten Stimmung könnte es politisch gefährlich für das Staatsoberhaupt sein, Stellung zu beziehen. "Ahoks Vergehen ist das von Salman Rushdie", ereifert sich Irena Handono, eine Zeugin der Anklage.

Mächtigen auf die Füße getreten?

"Er hat soviel für die Stadt getan, die Krankenhäuser stehen jetzt jedem offen", ruft eine Anhängerin. Ahok hat auch die jährlichen Überschwemmungen kanalisiert. Und er hat die Korruption bekämpft und ist damit womöglich Mächtigen auf die Füße getreten, vermuten Beobachter - und dass es letztlich nicht um Religion, sondern Politik gehe.

Vor allem begann Ahok endlich mit der Planung einer U-Bahn im stauverstopften Moloch Jakarta. Seine beiden muslimischen Herausforderer haben bereits angekündigt, dieses Projekt im Falles eines Wahlsieges zu beerdigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Februar 2017 um 09:00 Uhr.