Archiv: Thailändische Soldaten während der Rettungsaktion | Bildquelle: dpa

Ein Jahr nach Unglück in Thailand Höhle ist nun Touristenattraktion

Stand: 23.06.2019 00:25 Uhr

Vor einem Jahr fieberte die Welt mit zwölf Jungen und ihrem Trainer mit, die in einer Höhle in Thailand festsaßen. Wer heute dort hinreist, findet etwas zwischen Wallfahrtsort und Touristenattraktion.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur, zzt. Chiang Rai

Ein buddhistischer Tempel an der Grenze von Thailand nach Myanmar: Über sanfte Wiesen hinweg preist eine Durchsage dröhnend an, welche Heiligtümer hier zu finden sind. Nicht nur riesige goldene Buddha-Statuen, sondern auch ein nachgebauter Höhleneingang, der zu einer Gedenkstätte führt.

Die Wände sind voller gemalter Bilder, Fotos von den geretteten Jungen, von dem gestorbenen Marinetaucher, vom obersten Mönchspatriarchen, vom König. Daneben ist ein Raum voller Reliquien: Badelatschen, Fußballschuhe, ein Fahrrad, Rucksäcke und Taschenlampen - alles, was die Jungs dabei hatten, als sie in der Höhle verschwanden.

Reliquienraum im Kloster mit Gegenständen der Jungen | Bildquelle: Lena Bodewein
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Ein Reliquienraum im Kloster zeigt Gegenstände, die die Jungen vor der Höhle gelassen hatten.

Netflix hat die Rechte

Im Tempel Doi Wao haben die Jungen nach ihrer Rettung einen Monat verbracht. Um gutes Karma zu erwerben, haben sie sich als Novizen ordinieren lassen. Sie waren durch Talkshows gezogen und hatten mit Weltfußballern gekickt.

Aber jetzt dürfen sie nichts mehr erzählen, weil sie einen Exklusivvertrag mit dem Streamingdienst Netflix unterzeichnet haben. Nicht nur in ihrem Leben hat sich viel verändert, auch um die Höhle herum, wo das Drama begann.

Statuen im Kloster Doi Wao | Bildquelle: Lena Bodewein
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Im Tempel Doi Wao wurden die Jungen ordiniert und mit Statuen geehrt.

Ein Shuttle durch den Dschungel

Wo vorher ein Feldweg in Dschungel, Reisfelder und Ananaspflanzungen führte, reiht sich nun Verkaufsstand an Verkaufsstand: Es gibt T-Shirts mit der Fußballmannschaft darauf, mit Fotos der Höhle, mit einem stilisierten Taucher oder der Silhouette des Berges. Es gibt Essen, Anstecker, Thailand-Hüte, Lottoscheine, handgearbeitete Täschchen und Kleider der örtlichen Bergstämme.

Vor einem Jahr mussten sich Helfer und Journalisten durch Matsch und überschwemmte Felder zur Höhle vorkämpfen, jetzt fährt ein Shuttle. Klappernd bringt der kleine Bus die Touristen zum Höhleneingang. Davor sind Kulissen aufgebaut: Höhlenumgebung mit Stalakmiten und Stalaktiten, perfekt für Selfies der Schaulustigen.

Was wird aus der Höhle?

1,2 Millionen Menschen sind im vergangenen Jahr zur Höhle gekommen. Früher waren es 5000. Dabei ist die Höhle selbst nicht zugänglich. "Was damit geschieht, ist noch ungewiss", sagt Kawee Prasom Phol vom Nationalpark. "Sie ist auch eine wichtige Ableitung für die Wassermassen in der Regenzeit."

Er favorisiert zwei Konzepte: einen Zugang für Abenteuerlustige, die tauchen und die Höhle erforschen wollen - mit zehn Kilometern immerhin eine der größten in Thailand. Und eine Tour auf den Spuren der Fußballmannschaft. Das Drumherum der Höhle hätten sie gestaltet, dass die Menschen erleben könnten, wie es vor einem Jahr war, sagt Kawee Prasom Phol: "Es sind nur ein Toilettenblock und eine Gedenkstätte dazu gekommen."

Souvenirstände vor dem Höhlenbereich | Bildquelle: Lena Bodewein
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Vor dem Zugang zum Höhlenbereich werden Souvenirs an die zahlreichen Touristen verkauft.

Pappkameraden für eine Nachstellung

Vor dem Höhleneingang sind zwei Pumpen aufgebaut, wie die, die vor einem Jahr unaufhörlich das Wasser aus der Höhle pumpten. Der eine Schwengel lässt sich zwar betätigen, doch die Pumpen sind nur Kulisse. Dort, wo der Gouverneur von Chiang Rai täglich die Presse unterrichtete, sitzt er auch heute - als Pappkamerad an einem Tisch, mit blauer Kappe, gelbem Halstuch und Brille, umgeben von anderen Offiziellen. Jetzt kann jeder Besucher Pressekonferenz nachspielen.

Vor der Gedenkstätte steht ein riesiges Denkmal von Saman Kunan. Der Taucher der Navy Seals war während der Rettungsaktion gestorben und wird als Held verehrt. Ein Gedicht für ihn steht auf dem Sockel. Dahinter eine Gedenkstätte mit monumentalen Wandgemälden: Alle Retter sind versammelt, in der Mitte wieder Saman, daneben auch die britischen Höhlentaucher wie Vern Unsworth, die die Jungs fanden. Der thailändischen Premierminister darf ebenfalls nicht fehlen, schließlich hat er sich auch einmal an der Höhle blicken lassen.

Statue des verstorbenen Tauchers Saman Kunan | Bildquelle: Lena Bodewein
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Der verstorbene Taucher Saman Kunan wird in Thailand als Held verehrt. Vor der Gedenkstätte steht ein riesiges Denkmal.

"Wahre Bedeutung von Einheit"

Rak glaubt, dass das ganze Ereignis eine wichtige Lektion für alle Menschen ist. Der Sicherheitsmann an einer höheren Schule hat vorher im Nationalpark gearbeitet. Zusammen mit Vern Unsworth hat er die ganze Höhle erforscht. Niemand kannte die Gänge so gut wie diese beiden.

Also hat auch Rak Tag und Nacht an der Rettung mitgearbeitet: "Hier konnten wir lernen, was es heißt, wenn alle wirklich zusammenstehen. Alle, die an dieser Rettungsmission beteiligt waren, haben alles gegeben und nichts dafür erwartet. Und so haben wir alles geschafft. Das ist die wahre Bedeutung von Einheit."

Er ist stolz, dass er dabei war - wenn er auch nicht im Rampenlicht stand, weiß er um seine Rolle. Und nicht nur er. "Fünf der Jungen aus der Fußballmannschaft gehen immer noch hier zur Schule, ich sehe sie also jeden Tag, das macht mich froh. Und sie lieben mich, weil sie wissen, dass ich sie mit gerettet habe." Und trotz ihres weltweiten Ruhms seien die Jungen nicht abgehoben, sondern "gute Jungs".

Thailands Höhlenwunder 1 Jahr danach
Lena Bodewein, ARD Singapur
22.06.2019 21:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Juni 2019 um 12:38 Uhr.

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