Der Anschlagsort in Absard, einer Kleinstadt östlich von Teheran. | AP

Anschlag auf iranischen Kernphysiker Welche Spuren nach Israel führen

Stand: 29.11.2020 13:55 Uhr

Der Iran beschuldigte umgehend "hiesige Söldner" der USA und Israels - offiziell ist weiter unklar, wer hinter dem Tod des iranischen Kernphysikers Fachrisadeh steckt. Allerdings kursieren Theorien und es gibt Andeutungen.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Der israelische Journalist Ronen Bergman beschäftigt sich seit Jahren mit Tötungen durch den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad. Dass Israel hinter dem Anschlag auf den Atomwissenschaftler Mohsen Fachrisadeh steht, darf er nicht offen sagen. Selbst wenn er es sicher wüsste. Auch Bergman unterliegt der israelischen Militärzensur. Doch der Israeli weiß, wie unglaublich kompliziert die Planung und Durchführung eines solchen Anschlages ist. 

Ich will als Israeli nicht zu patriotisch klingen. Aber ich denke, dass aktuell nur eine einzige Geheimdienstorganisation auch nur im Ansatz vollbringen kann, was wir am Freitag gesehen haben. Der israelische Mossad hat beispiellose Fähigkeiten erlangt, im Iran einzudringen, Informationen zu gewinnen und zu operieren.
Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv



Bergman ist Co-Autor mehrerer Artikel, die in den vergangenen Tagen in der "New York Times" erschienen. Darin heißt es, dass Israel hinter dem Attentat stehe. Die Zeitung beruft sich auf Geheimdienstkreise. Dass Israel seine Rolle weder bestätigt noch dementiert, gehört seit Jahrzehnten zur geübten Praxis nach solchen Vorfällen. Dass das Land jedoch noch deutlicher in den Fokus rückt, hängt mit Äußerungen von Premierminister Benjamin Netanyahu zusammen.

Netanyahu: "Merkt Euch diesen Namen, Fachrisadeh"

Vor anderthalb Jahren präsentierte er Unterlagen zu Irans Atomprogramm, die der Mossad entwendet hatte. Netanyahu warf dem Iran vor, über seine Ambitionen und Schritte, an Atomwaffen zu gelangen, gelogen zu haben. Damals schrieb Netanyahu dem nun getöteten iranischen Physiker eine zentrale Rolle zu. "Merkt Euch diesen Namen, Fachrisadeh“, sagte Netanyahu damals.

Fast zeitgleich mit ersten Meldungen über das Attentat am Freitag meldete sich Netanyahu schließlich mit einem Video auf Facebook und Twitter: "Ich möchte euch eine Liste vorlesen mit Dingen, die ich in dieser Woche gemacht habe. Die Liste ist aber lückenhaft, denn ich darf nicht alles erzählen."

Netanyahu schmunzelte. Und obwohl er nichts aussprach, ging er damit zu weit. So sieht es der ehemalige Armeegeneral Amos Gilad im israelischen Fernsehkanal 12:

Solche Andeutungen sind folgenreich. Wenn es zu viele Andeutungen gibt, ganz gleich, ob etwas dahintersteckt oder nicht, dann erhalten die Iraner durch diese Andeutungen die Rechtfertigung, uns dafür die Schuld zu geben.

Das wiederum, so die Befürchtung, könnte die Wahrscheinlichkeit eines iranischen Vergeltungsangriffes erhöhen. Mehrere Geheimdienstexperten in Israel glauben, dass der Tod Fachrisadeh ein schwerer Schlag für Irans Atomprogramm ist. Sie räumen aber ein, dass eine US-Regierung unter Joe Biden die Aktion mitnichten positiv bewertet hätte. Biden plant, dass die USA dem Atomabkommen mit dem Iran wieder beitreten. Möglicherweise nach einer Justierung der Bedingungen.

Welche Rolle spielen die USA?

Unter US-Präsident Donald Trump hatten die USA das Abkommen verlassen. Auch Netanyahu lehnt den Deal mit dem Iran in seiner jetzigen Form entschieden ab. Sollten also noch schnell Fakten geschaffen werden? Darüber sprach Amos Yadlin, ehemaliger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes mit dem Fernsehkanal 12.

Wer auch immer die Entscheidung zum Attentat traf, wusste ganz genau, dass ihm noch 55 Tage einer US-Regierung bleiben, die die Iraner so betrachtet wie wir; nämlich als eine sehr ernstzunehmende Bedrohung.

Yadlin deutet einen weiteren Zusammenhang an: Möglicherweise käme den "Entscheidungsträgern" des Attentates ein iranischer Gegenschlag nicht ungelegen. "Genau das würde Trump ermöglichen, dass zu tun, was er bereits vor zwei Wochen versuchte, nämlich von seinen nationalen Sicherheitsberatern grünes Licht für einen Angriff auf Irans Atomanlagen zu erhalten."

Plant Trump tatsächlich noch einen Angriff? Soll es Joe Biden erschwert werden, ab Mitte Januar auf den Iran zuzugehen? Möglich. Aber aktuell nur Spekulationen im Fall der Tötung des iranischen Physikers. Der israelische Journalist Ronen Bergman sagt: Falls Israel hinter der Tötung steht, sei anzunehmen, dass es vorher eine Absprache mit der US-Regierung gab.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. November 2020 um 13:17 Uhr.

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