Benjamin Netanyahu | Bildquelle: REUTERS

Israel und Aserbaidschan Verbunden durch Waffen und Öl

Stand: 11.10.2020 06:49 Uhr

Israel spielt im Konflikt in Bergkarabach laut Medienberichten eine große Rolle. Etwa 60 Prozent der Rüstungsimporte Aserbaidschans stammen aus Israel. Armenien verurteilt die Waffenlieferungen scharf. Doch bislang hält Israel an der engen Partnerschaft fest.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Vor etwa vier Jahren reiste Israels Premierminister Benjamin Netanyahu nach Aserbaidschan. Dort traf er sich mit dem Machthaber des Landes: Präsident Ilham Aliyev. Netanyahu sagte, wie wichtig die Öllieferungen aus Aserbaidschan für Israel seien. Und nannte weitere Projekte: "Wir denken, dass wir gemeinsam Wunder vollbringen können. In der Landwirtschaft, der Bildung, dem IT-Sektor. In jedem Bereich."

Über eine Sache sprach der israelische Premierminister öffentlich nicht: Dass Israel viele Waffen und Rüstungssysteme nach Aserbaidschan liefert. Präsident Aliyev war da offener: "Wir arbeiten auch im Bereich der Rüstungsindustrie zusammen." Das mache man schon seit vielen Jahren. "Ich nenne Ihnen mal eine Zahl, die verdeutlicht, wie eng wir zusammenarbeiten: Bisher belaufen sich die Verträge auf fast fünf Milliarden US-Dollar."

Lieferung von ballistischen Raketen und Radarsystemen?

Aufnahmen der Nachrichtenagentur AP von Ende September zeigen, wie in Bergkarabach ein Armenier durch Trümmer geht und ein Stück Metall in die Höhe hält. Es sollen die Reste einer Drohne sein, die vor dem Haus eingeschlagen sei. Seine Mutter sei getötet worden, sagt der Mann.

In einem Interview mit der israelischen Nachrichtenseite Walla bestätigte ein Berater des aserbaidschanischen Präsidenten, dass israelische Drohnen auch bei den aktuellen Kämpfen in und um Bergkarabach eingesetzt werden.

Die israelischen Harop-Drohnen können mit Sprengstoff ausgerüstet werden und rasen in ihr Ziel. Hergestellt werden sie vom Unternehmen IAI, das seinen Sitz in einem abgeschirmten Teil des Flughafens Ben Gurion bei Tel Aviv hat. Neben den Drohnen liefert Israel offenbar auch ballistische Raketen und Radarsysteme.

Kein Kommentar vom israelischen Verteidigungsministerium

In den vergangenen Wochen registrierten israelische Journalisten mehrere Frachtflüge zwischen Aserbaidschan und einem Flugplatz der israelischen Luftwaffe in der Wüste Negev. Was in die Flugzeuge geladen wurde, kommentiert Israels Verteidigungsministerium nicht. Auch Anfragen, ob Israel trotz der jüngsten Kämpfe weiter Waffen liefere, blieben unbeantwortet.

Dabei kämen mittlerweile 60 Prozent der Rüstungsimporte Aserbaidschans aus Israel, sagt Pieter Wezeman vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI:

"Es geht hier um hochmoderne Waffen mit großen Reichweiten. Aserbaidschan bekommt sie vor allem aus Israel und teilweise aus Russland. Russland beliefert auch Armenien. Diese Waffen steigern das Risiko einer weiteren Eskalation. Im Fall von Aserbaidschan steigt das Risiko, dass die Führung glauben könnte, damit könne ein Krieg gewonnen werden. Auch wenn das gar nicht zutrifft. Allein die Wahrnehmung, dass diese Waffen zum Durchbruch führen könnten, senkt die Hemmschwelle, auf Gewalt zu setzen."

Armenien protestiert gegen Rüstungsimporte

Mehrere Länder, darunter Deutschland, liefern unter Verweis auf den Konflikt keine oder nur sehr begrenzt Waffen nach Armenien und Aserbaidschan. Israel macht allem Anschein nach weiter.

Armenien protestiert dagegen scharf. Erst vor wenigen Wochen eröffnete das Land eine Botschaft in Tel Aviv. Doch die Regierung Armeniens rief den Botschafter gleich wieder zurück und verwies auf die angeblichen israelischen Waffenlieferungen an den Feind. Israel brachte sein Bedauern zum Ausdruck - Aserbaidschan sei nun mal ein enger Partner. Die Zusammenarbeit richte sich aber nicht gegen Armenien.

Ringen um Energiesicherheit

Es gibt mehrere Gründe, warum Israel Aserbaidschan weiterhin die Treue hält: Da ist zum einen die Energie. Israel beziehe etwa 40 Prozent seines Öls aus dem Land, sagt Gallia Lindenstrauss, die sich am Tel Aviver Institut INSS mit den Beziehungen zwischen Israel und Aserbaidschan beschäftigt:

"In der Vergangenheit war Israel ziemlich besessen, wenn es um Energiesicherheit ging. Die Sorgen waren groß. Damals hatte Israel noch keine nennenswerten eigenen Energiequellen. Viele Märkte, wie die der arabischen Golfstaaten waren geschlossen. Die Zusammenarbeit zwischen Israel und Aserbaidschan hat sich ausgezahlt. Israel erhält seit zwei Jahrzehnten konstant Öllieferungen."

Die Ölimporte Israels bringen Aserbaidschan hohe Geldsummen. Die kann das Land wiederum in Waffen aus Israel investieren. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. In Israel gibt es eine gewisse Tradition, auf enge Beziehungen zu muslimisch geprägten aber nicht arabischen Staaten zu setzen. So gab es eine enge Partnerschaft mit der Türkei und - bis zur islamischen Revolution - mit dem Iran.

Was geschieht, bleibt geheim

Heute ist der Iran gewissermaßen der Erzfeind Israels und ein weiterer wichtiger Grund, warum Israel mit Aserbaidschan zusammenarbeitet. Aserbaidschan grenzt an den Iran. Und laut Medienberichten nutzen israelische Geheimdienste das aus. Was genau geschieht, bleibt geheim. So wie Israel die Frage nicht kommentiert, ob es trotz der Kämpfe in und um Bergkarabach Waffen an Aserbaidschan liefert.

Aliyev, der Machthaber Aserbaidschans, soll das Verhältnis seines Landes zu Israel einst mit einem Eisberg verglichen haben. 90 Prozent seien unter der Wasseroberfläche und nicht zu sehen.

Waffen, Öl, Geheimdienste: Israels enges Verhältnis zu Aserbaidschan
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
11.10.2020 00:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Oktober 2020 um 13:40 Uhr.

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