Der Skiort Ischgl in Österreich | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Österreich Expertenkommission legt Bericht zu Ischgl vor

Stand: 12.10.2020 04:23 Uhr

Haben die Tiroler Behörden die Coronagefahr in Ischgl im Frühjahr bewusst heruntergespielt? Dieser Frage gingen Ermittler in den vergangenen Monaten nach. Heute stellen sie ihren Bericht vor.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Wie haben die Tiroler Behörden auf den Ausbruch im Corona-Hotspot Ischgl reagiert und welche Entscheidungen wurden wann und von wem im Bundesland Tirol getroffen: Mit erheblicher Spannung wird im Tiroler Landtag der Bericht der Expertenkommission unter Vorsitz des ehemaligen Vize-Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, Ronald Rohrer erwartet. Rohrer gilt als sehr angesehen, respektiert und vor allem - unabhängig.

Fünf Monate nach seiner Beauftragung durch den Tiroler Landtag präsentieren er und die übrigen Mitglieder der Expertenkommission ihre Ergebnisse. So seien zahlreiche Akten und interne Unterlagen der Behörden gesichtet und über 50 Personen befragt worden, darunter aus der Tourismusbranche, Seilbahnverantwortliche, Personen, die mit Covid-19 infiziert waren sowie Verantwortliche des Landes, des Bundes und in Bezirken. Als einer der ersten Oppositionspolitiker in Tirol stellte der Fraktionschef der liberalen NEOS im Innsbrucker Landtag, Dominik Oberhofer, das Krisenmanagement der schwarz-grünen Landesregierung in Frage.

Tirols Landeshauptmann Günther Platter | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Tirols Landeshauptmann Günther Platter.

Regierung behauptet, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben

Er habe frühzeitig den Eindruck gewonnen, so Oberhofer gegenüber dem ARD-Studio Wien, "dass man hier etwas vertuschen will." Das sei absolut unseriös und mache den Schaden nur größer. "In vielen Gesprächen haben wir das den Regierungsmitgliedern immer wieder zu erklären versucht. Was mich so wahnsinnig stört, ist, dass in dieser ganzen Causa immer wieder Lokalpatriotismus à la 'wir machen alles richtig' betont wurde."

Bereits unmittelbar nach dem Wochenende der chaotisch verlaufenden Abreise Tausender von Ischgl-Touristen am 13. März, dem Tag der Verhängung der Quarantäne über das Paznauntal und St. Anton am Arlberg, legte sich Landesgesundheitsrat Bernhard Tilg in der ORF-Nachrichtensendung "Zib2" fest: "Ich glaube, dass die Behörden in Tirol sehr richtig agiert haben. Die ausländischen Medien machen den Eindruck, dass das Coronavirus in Ischgl entstanden ist. Das ist aber nicht so."

Die Grundthese der Tiroler Landesregierung unter Landeshauptmann Günther Platter von der ÖVP, wonach im Rückblick betrachtet manche Entscheidungen frühzeitiger hätten getroffen werden können, jedoch mit bestem Wissen und Gewissen reagiert worden sei, wurde Ende der vergangenen Woche erschüttert: Das Nachrichtenmagazin "Profil" sowie die "ORF"-Nachrichtensendung "ZiB2" berichteten unter Verweis auf ihnen vorliegende Dokumente der Tiroler Behörden, dass die Infektionsgefahr in Ischgl bewusst herunterspielt und teilweise verharmlost worden sei.

Tests in Frage gestellt

So sei etwa die erste Warnung der isländischen Behörden vom 5. März, wonach 14 Ischgl-Rückkehrer positiv getestet worden seien, nach Rücksprache mit Landeshauptmann Platter vom zuständigen Bezirkshauptmann mit der Lesart für die Presserklärung ersehen worden sei: "Isländische Gäste im Tiroler Oberland dürften sich bei Rückflug im Flugzeug mit Coronavirus angesteckt haben". Somit habe man "Ischgl vorerst aus dem Schussfeld" nehmen können, wie in einer Mail des Bezirkshauptmanns geheißen habe.

Der Tiroler NEOS-Fraktionschef Oberhofer, der sich an die Situation mit den isländischen Touristen noch gut erinnern kann, dazu: "Da haben wir in Tirol das Testergebnis in Frage gestellt. Landesrat Tilg und die Tiroler Landesregierung, der Krisenstab, haben gesagt: 'Einem isländischen Test kann man im Prinzip nicht vertrauen. Also ist das nicht bestätigt.'"

Tirols Oppositionsparteien hatten im Mai einen Misstrauensantrag gegen das Landesgesundheitsrat im Parlament gestellt, der mit den Stimmen der seit 75 Jahren im Bundesland regierenden Volkspartei sowie des grünen Koalitionspartners abgelehnt worden war. Auf derselben, emotional geführten Parlamentssitzung beschloss der Tiroler Landtag, eine Expertenkommission einzuberufen, die das Krisenmanagement des Landes untersuchen solle.

Tiroler Expertenkommission legt Untersuchungsbericht vor
Clemens Verenkotte, ARD Wien
11.10.2020 23:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Oktober 2020 um 09:00 Uhr.

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