Der Eingang einer Gedenkstätte für verstorbene Kinder aus Mutter-Kind-Heimen im irischen Tuam in der Grafschaft Galway.  | Bildquelle: AFP

Untersuchungskommission Etwa 9000 Kinder starben in irischen Heimen

Stand: 12.01.2021 21:15 Uhr

Tausende Kinder kamen einem Untersuchungsbericht zufolge in irischen Heimen zu Tode, in denen unverheiratete Mütter auf Zuflucht hofften. Der Ministerpräsident sieht eine Mitschuld in der Gesellschaft und will sich entschuldigen.

In Mutter-Kind-Heimen für unverheiratete Frauen sind laut einem aktuellen Untersuchungsbericht im 20. Jahrhundert Tausende von Babys und Kindern gestorben. "Rund 9000 Kinder starben in den untersuchten Heimen", hieß es in dem Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission, der in Irland veröffentlicht wurde.

Als Haupttodesursachen der Säuglinge und Kinder wurden Atemwegserkrankungen und Magen-Darm-Entzündungen festgestellt.

15 Prozent der Kinder starben

Die von der Regierung eingesetzte Kommission untersuchte die Gründe für die hohe Kindersterblichkeit in insgesamt 18 Heimen für unverheiratete Mütter. Die Einrichtungen wurden noch bis 1998 von religiösen Orden und dem irischen Staat betrieben.

Im streng katholischen Irland wurden Frauen, die vor der Heirat schwanger wurden, oft in solchen Heimen untergebracht. Die Kinder wurden häufig von den Müttern getrennt und zur Adoption freigegeben, um alle Bande zu ihrer eigentlichen Familie zu zerstören.

Doch etwa 15 Prozent der Kinder, die im untersuchten Zeitraum von 1922 und 1998 in den Heimen geboren wurden, starben auch dort, wie die Kommission berichtete. Insgesamt waren demnach 56.000 unverheiratete Mütter und 57.000 Kinder in den Heimen untergebracht.

Verachtung und Gleichgültigkeit

Laut dem Bericht wurden Frauen, die in der Zeit außerhalb der Ehe Kinder zur Welt brachten, von ihren Familien und Partnern ausgesprochen unbarmherzig und hart behandelt - und das mit Unterstützung von Kirche und Staat. Vielen blieben als einzige Alternative die Heime übrig, in denen sie aber weiteren "emotionalen Missbrauch" erfuhren.

"Die Abwesenheit von professionellem Personal, kombiniert mit einer generellen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der in den Mutter-Kind-Heimen geborenen Kinder, hat zu der entsetzlichen Säuglingssterblichkeit beigetragen", heißt es in dem Bericht.

Der Kommission zufolge war es vor 1960 für die Kinder wahrscheinlicher, in den Heimen zu sterben als außerhalb. "Es war außerordentlich kalt und harsch für Frauen. Alle Frauen litten unter ernsthafter Diskriminierung". Oft waren die in den Heimen lebenden Frauen durch Vergewaltigungen schwanger geworden, andere hatten gesundheitliche oder psychische Probleme.

Michael Martin, Premierminister von Irland, spricht auf einer Pressekonferenz. | Bildquelle: dpa
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Der irische Regierungschef Michael Martin sprach von einem hohen Preis, den die Betroffenen im Namen einer "perversen religiösen Moral" in den vergangenen Jahrzehnten hätten zahlen müssen.

Regierungschef will sich entschuldigen

Der irische Ministerpräsident Michael Martin kündigte eine offizielle Entschuldigung im Parlament an. Der Bericht zeichne das Bild einer "über Jahrzehnte hinweg vorherrschenden frauenfeindlichen Kultur in Irland".

"Wir hatten eine völlig gestörte Einstellung zur Sexualität und Intimität, und junge Mütter sowie ihre Söhne und Töchter mussten für diese Störung einen furchtbaren Preis bezahlen", so Martin. Eine "bittere Wahrheit" sei, dass die "ganze Gesellschaft daran mitschuldig war", sagte der Regierungschef. Es sei deshalb wichtig, sich mit dieser Tragödie "als Volk" auseinanderzusetzen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Januar 2021 um 21:00 Uhr.

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