Ein Foto der inhaftierten iranische Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh.

Iranische Anwältin Sotoudeh "Diesmal steht es ernst um sie"

Stand: 25.09.2020 14:49 Uhr

Aus Protest gegen ihre Haftbedingungen ist die iranische Menschenrechtsanwältin Sotoudeh seit 50 Tagen im Hungerstreik. Ihre Angehörigen sind in großer Sorge. Die Behörden erhöhen den Druck auf sie.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul, zurzeit Teheran

Reza Khandan wirkt müde. Während er Tee zubereitet, erzählt er mit leiser Stimme über den Gesundheitszustand seiner Ehefrau Nasrin Sotoudeh. "Sie ist sehr schwach. Viel schwächer, als man sich das vorstellen kann. Er ist eine Sache, vom Hungerstreik zu wissen, aber sie dann so zu sehen, ist schockierend."

Seit fast 50 Tagen verweigere die 57-jährige Menschenrechtsanwältin fast jegliche Nahrung. Sie trinke und esse nur Wasser, Salz und Zucker, sagt ihr Ehemann - aus Protest gegen die Haftbedingungen und die Gefahr, sich im Teheraner Evin-Gefängnis mit dem Coronavirus anzustecken. Dort ist sie seit 2018 inhaftiert, unter anderem wegen Anstachelung zu nicht-islamischem Verhalten. Das Urteil lautete: 33 Jahre Haft und 148 Peitschenhiebe.

Sotoudeh hatte wegen ihrer Arbeit als Anwältin schon oft Schwierigkeiten. Sie vertritt die Fälle, die die meisten ablehnen, darunter zum Tode verurteilte Minderjährige oder festgenommene Oppositionelle. Von 2010 bis 2013 saß sie schon einmal in Haft, kam damals vorzeitig frei. Eine Geste in Richtung Westen, sagen Beobachter, unter dem neugewählten Präsidenten Hassan Rouhani, der vielen damals noch als Hoffnungsträger für eine Öffnung des Landes galt.

Reza Khandan der Ehemann der inhaftierten iranische Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh
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Schockiert vom Gesundheitszustand seiner Frau: Reza Khandan

Bekenntnis zum Kampf für Gerechtigkeit

Trotz eines Ausreise - und Berufsverbots gab sich Sotoudeh in den letzten Jahren immer kämpferisch: "Ich habe Jura studiert. Und mit oder ohne Anwaltslizenz - ich werde immer alles dafür tun, dass Gerechtigkeit in meinem Land ihren Weg findet."

Als sie 2018 die Verteidigung für mehrere angeklagte Frauen vorbereitete, die öffentlich gegen das verpflichtende Tragen des Kopftuch protestiert hatten, wurde sie erneut festgenommen.

Das System sehe sie als Bedrohung, glaubt ihr Ehemann Khandan: "Ihr Tun hat Einfluss auf die Menschen im Land. Sie genießt Ansehen in der Gesellschaft. Ein Teil der Bevölkerung schätzt, was sie tut, und das System versucht das zu unterdrücken."

Nasrin Sotoudeh freut sich im Jahr 2013 über die Entlassung aus dem Gefängnis | Bildquelle: AFP
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2013 wurde Nasrin Sotoudeh überraschend vorzeitig freigelassen - ihre Freude war groß.

Internationale Solidarität

International gibt es großen Protest gegen die Inhaftierung seiner Frau. Der Iran sieht darin eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Mehrere Staaten fordern die Freilassung der Anwältin und die Gleichbehandlung mit anderen Häftlingen im Iran. Tausende hatten nach Ausbruch der Corona-Pandemie Hafturlaub erhalten, Sotoudeh und viele andere politische Häftlinge nicht. Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler, twitterte, Sotoudeh setze ihre Gesundheit aufs Spiel im Einsatz für Menschenrechte im Iran.

Khandan konnte seine Frau zuletzt vor vor etwa anderthalb Monaten besuchen, erzählt er. Das war vor dem Hungerstreik. Vor wenigen Tagen sei sie dann ins Krankenhaus eingeliefert worden. Er sei mit den beiden Kinder dorthin gefahren, in der Hoffnung, sie sehen zu können. Es blieb jedoch nur bei einem kurzen Blick aus der Ferne. Im Rollstuhl habe man sie über den Flur geschoben. Die Kinder seien entsetzt gewesen, die Mutter so zu sehen.

Druck auf die Tochter

Wenige Wochen zuvor war die 20-jährige Tochter des Paares für einige Stunden festgenommen worden - um Druck auf die Mutter aufzubauen, glaubt Khandan: "Sie machen unglaubliche Dinge. Keiner hätte sich vorstellen können, dass es eines Morgens bei uns klingelt, Sicherheitskräfte in die Wohnung stürmen und unsere Tochter einfach mitnehmen. Das zeigt, dass das System Angst hat."

Die Familie hat Angst um Nasrin Sotoudeh. Inzwischen sei sie zurück im Gefängnis, in einem Quarantäne-Bereich. Per Telefon meldete sie sich bei ihrem Mann, es gehe ihr nach wie vor sehr schlecht, sagt er. "Jede Person hat nur ein gewisses Maß an Energie. Die wird natürlich immer weniger. Zunächst hast du noch mehr Kraft, mit der Zeit wird man immer schwächer. Ich will nicht hoffnungslos klingen. Aber diesmal steht es ernst um sie."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. August 2020 um 08:20 Uhr.

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