Die deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis | Bildquelle: AFP

Entführte Deutsche im Irak Auswärtiges Amt bildet Krisenstab

Stand: 21.07.2020 16:28 Uhr

Die Berliner Kuratorin Mewis wollte in Bagdad junge Künstler fördern. Nun wurde sie entführt. Das Auswärtige Amt in Berlin einen Krisenstab, auch das irakische Innenministerium ermittelt in dem Fall.

Wegen der Entführung der deutschen Kuratorin und Kulturvermittlerin Hella Mewis in der irakischen Hauptstadt Bagdad hat das Auswärtige Amt seinen Krisenstab einberufen. Das teilte Außenminister Heiko Maas mit. Er wolle sich "mit Blick auf das Wohlbefinden der Betroffenen" nicht näher zu dem Fall äußern, sagte Maas. "Aber (wir) haben im Auswärtigen Amt damit begonnen, uns um den Fall zu kümmern und eine Lösung zu finden, bei der die betroffene Person und ihr Wohlbefinden gesichert wird."

Ins Auto gezerrt und verschleppt

Bewaffnete Männer hatten Mewis am Vorabend im zentral gelegenen Stadtteil Abu Nawas in ein Auto gezerrt und verschleppt. Laut irakischen Sicherheitskreisen ereignete sich die Entführung in der Nähe einer Polizeiwache in Bagdad, ohne dass die Polizisten eingegriffen hätten. In der Gegend unweit des Flusses Tigris liegen auch verschiedene Regierungsgebäude.

Das irakische Innenministerium bildete nach Angaben eines Sprechers ebenfalls einen Sonderstab mit Geheimdienst- und Kriminalexperten, um dem Fall nachzugehen. Innenminister Othman Al-Ghanmi habe "verstärkte Bemühungen bei der Suche" nach Mewis angeordnet, hieß es in Bagdad. Derzeit würden Aufzeichnungen von Überwachungskameras untersucht.

Aufbau von Kulturinstitut

Die gebürtige Berlinerin Mewis lebt seit mehreren Jahren in Bagdad. Dort fördert sie die Arbeit junger irakischer Künstler im Kulturinstitut Bait Tarkib - das übersetzt so viel heißt wie "Haus der Installation". Das Haus wurde 2015 gegründet.

In den zurückliegenden zehn Jahren organisierte Mewis mehrfach Festivals, unter anderem für das Kulturinstitut. Auch mit dem deutschen Goethe-Institut arbeitete Mewis zusammen. Sie gilt als sehr erfahren und kompetent und ist eine wichtige Ansprechpartnerin in Bagdad für das Institut, das seinen Sitz in Erbil hat.

Außenansicht des Bait-Tarkib-Kunstzentrums. | Bildquelle: dpa
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Mit der Organisation Bait Tarkib wollte Mewis die Arbeit junger irakischer Künstler fördern.

Zusammenhang mit Protesten möglich

In letzter Zeit engagierte sie sich zunehmend politisch. So nahm sie an Protesten teil, die sich im Herbst des vergangenen Jahres gegen Korruption und Misswirtschaft, gegen iranische Einflussnahme im Irak und die Machtaufteilung zwischen den religiösen Gruppen wandten.

Mewis sei seit der Ermordung des irakischen Politikexperten Hischam al-Haschemi vor zwei Wochen besorgt gewesen, sagte Aktivistin Sirka Sarsam von der Nichtregierungsorganisation Burj Babel. Bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit der früheren Parlamentsabgeordneten Schoruk al-Abaidschi forderte Sarsam die Freilassung von Mewis.

Der international bekannte Al-Haschemi hatte sich mit den regierungskritischen Protesten des vergangenen Jahres solidarisiert. Auch Mewis war nach Angaben ihrer Freundin an den Protesten beteiligt. Am Rande der wochenlangen Proteste waren immer wieder Aktivisten von Unbekannten verschleppt oder ermordet worden.

Seit dem Ende von Saddam Husseins Diktatur im Jahr 2003 lebt der politische Islam im Irak wieder auf - und damit auch konservative islamische Werte, die viele Arten von nichtreligiöser Kunst als verboten betrachten. Viele irakische Künstler haben in ihrer Heimat einen schweren Stand und leben im Ausland.

Deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis im Irak entführt
Björn Blaschke, ARD Kairo
21.07.2020 12:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Juli 2020 um 16:18 Uhr.

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