US-Präsident Donald Trump. | AP

Krise in Nahost Trump droht Iran mit Angriffen auf 52 Ziele

Stand: 05.01.2020 02:25 Uhr

US-Präsident Trump setzt weiter auf Konfrontation im Konflikt mit dem Iran: 52 "strategisch und kulturell" wichtige Ziele haben die USA demnach für Vergeltungsschläge im Visier. Die Zahl hat offenbar historische Bedeutung. 

Nach der Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani durch einen US-Raketenangriff hat Präsident Donald Trump die Führung in Teheran nachdrücklich vor Vergeltungsschlägen gewarnt. Für den Fall, dass der Iran US-Bürger oder amerikanische Einrichtungen angreifen sollte, gebe es eine Liste mit 52 wichtigen iranischen Zielen, die dann angegriffen würden, schrieb Trump auf Twitter. Die strategisch und kulturell für den Iran wichtigen Orte würden dann "sehr schnell und sehr hart angegriffen", schrieb der US-Präsident in Großbuchstaben.

Liste nimmt Bezug auf Krise von 1979

Trump begründete die Zahl der 52 ausgewählten Zielorte mit einem Verweis auf "52 amerikanische Geiseln, die der Iran vor vielen Jahren genommen hat". Damit bezog er sich offenkundig auf ein historisches Ereignis vor vier Jahrzehnten: Iranische Studenten hatten am 4. November 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzt, um gegen die Aufnahme des gestürzten Schahs Reza Pahlavi in den USA zu demonstrieren. Sie nahmen 52 US-Botschaftsangehörige als Geiseln und forderten die Auslieferung des Schahs. Washington verhängte Sanktionen, die Geiselnahme endete nach 444 Tagen. Wegen der Botschaftsbesetzung brachen die USA damals die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Hardliner im Iran feiern die Besetzung immer noch als revolutionäre Heldentat und Sieg über den US-Imperialismus.

Zuvor hatte die Führung in Teheran Rache geschworen für den Tod Soleimanis, der als bekanntestes Gesicht des iranischen Militärs im Ausland galt und von vielen Landsleuten als Märtyrer verehrt wird. Auf Twitter richtete Trump äußerst konfrontative Worte an die Islamische Republik, der er dringend von Vergeltungsakten abriet: Die für den Iran und dessen Kultur teils sehr bedeutsamen Orte auf der Liste würden sonst "sehr schnell und sehr hart angegriffen", schrieb er in Großbuchstaben - ebenso wie das Wort "Warnung". Seine Tweet-Serie schloss Trump mit den Worten: "Die USA wollen keine Drohungen mehr!"

Iran spricht von "terroristischem Akt"

Laut US-Regierung erfolgte der Angriff auf Soleimani, um weitere von ihm geplante Angriffe auf US-Diplomaten und Einsatzkräfte zu verhindern. Der Iran sprach nach der Tötung Soleimanis in der Nacht zum Freitag in Bagdad von einem "terroristischen Akt" der USA, für den die Vereinigten Staaten "einen hohen Preis bezahlen" würden. Denkbar scheinen unter anderem Angriffe auf US-Ziele im Irak oder anderen Ländern des Nahen Ostens. Sollte es dazu kommen, droht eine folgenschwere Spirale der Gewalt - wie Trumps jüngste Drohung unterstreicht.

Irakisches Parlament debattiert Abzug von US-Truppen

Der Tod Soleimanis, des Kommandeurs der iranischen Al-Kuds-Brigaden, hat die schweren Spannungen in der ohnehin konfliktreichen Region nochmals verschärft. Das irakische Parlament berät heute in einer Dringlichkeitssitzung über Forderungen nach einem Abzug der rund 5000 verbliebenen US-Truppen im Land. Nach Worten des geschäftsführenden Ministerpräsidenten Adel Abdel Mahdi soll es um "angemessene Maßnahmen" gehen, um "die Würde des Irak und dessen Sicherheit und Souveränität" zu erhalten. Vize-Parlamentssprecher Hassan al-Kabi sagte: "Es ist Zeit, dem Leichtsinn und der Arroganz der USA ein Ende zu bereiten."

Tausende Iraker hatten am Samstag an einem Trauerzug für Soleimani teilgenommen, darunter viele Spitzenpolitiker. Angeführt wurde der Zug nach Augenzeugenberichten von Milizionären, die irakische Flaggen sowie Banner von Milizen schwenkten, die vom Iran unterstützt werden. Einige riefen anti-amerikanische Parolen wie "Tod für Amerika" und forderten Vergeltung für den US-Angriff. Ein Komplettabzug der US-Truppen aus dem Irak ist zwar eher unwahrscheinlich, doch könnte sich eine anti-amerikanische Stimmung in dem Krisenland festigen. Das allein wäre aus Sicht des Irans, der großen Einfluss im Irak hat, schon ein politischer Erfolg.

Raketenangriffe nahe Luftwaffenstützpunkt

Zudem befürchten Experten, dass Teheran mithilfe verbündeter schiitischer Milizen im Irak militärisch Rache an den USA nehmen könnte. Am Samstagabend schlugen nahe dem Luftwaffenstützpunkt Al-Balad, auf dem auch US-Soldaten untergebracht sind, sowie nahe einer weiteren Basis im Stadtzentrum Bagdads zwei Raketen ein. Die Sicherheitsvorkehrungen an Stützpunkten im Irak wurden zusätzlich hochgefahren, wie ein Sprecher des US-geführten Militäreinsatzes "Operation Inherent Resolve" (OIR) daraufhin mitteilte.

Im Iran finden in mehreren Städten, darunter in Teheran, Trauerzeremonien für Soleimani statt. Zu der Zeremonie in der Hauptstadt am Abend wird auch die iranische Führung erwartet. Soleimani soll am Dienstag in seinem Geburtsort Kerman im Südostiran beigesetzt werden.

Außenminister Maas will vermitteln und deeskalieren

Unterdessen liefen Bemühungen an, eine weitere Zuspitzung der Lage abzuwenden. "Wir werden in den kommenden Tagen alle Hebel in Bewegung setzen, um einer weiteren Eskalation der Lage entgegenzuarbeiten - in den Vereinten Nationen, der EU und im Dialog mit unseren Partnern in der Region, auch im Gespräch mit dem Iran", sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) der "Bild am Sonntag". Er stehe in engem Kontakt mit seinen britischen und französischen Kollegen, dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell und US-Außenminister Mike Pompeo.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Januar 2020 um 03:40 Uhr.