Ein Plakat auf der Demonstration in Chemnitz, zu der rechtsextreme Gruppierungen aufgerufen hatten. | Bildquelle: AFP

Internationale Presse zu Chemnitz "Besonders erschreckend"

Stand: 30.08.2018 10:52 Uhr

"Aus historischen Gründen in Deutschland besonders erschreckend", "Situation außer Kontrolle", "schrecklich alltäglich": Die internationale Presse zeigt sich besorgt über die Ausschreitungen von Chemnitz.

Zeitungen aus aller Welt haben die Krawalle von Chemnitz mit Besorgnis kommentiert. Die aktuellen Ereignisse werden als Ausdruck einer längeren Entwicklung gesehen - vor allem in Ostdeutschland.

"Tief verwurzelt"

"The Guardian" aus London: "Es ist beunruhigend, wenn ein rechter Mob in den Straßen einer Stadt randaliert. Doch aus offenkundigen historischen Gründen sind solche Szenen in Deutschland besonders erschreckend. Die CDU wirkt wie gelähmt durch den Aufstieg der AfD, die bei den Bundestagswahlen im vergangen Jahr stark genug wurde, um Angela Merkel zu einer fragilen Koalition mit der SPD zu zwingen, der zweiten Säule des parteipolitischen Establishments des Landes. Dadurch ist das politisch weit rechts stehende Lager zur größten Opposition im Parlament geworden. Das ist das Aufblühen von etwas Gefährlichem, das tief verwurzelt ist."

"Traurige Ironie"

Die slowakische Tageszeitung "Pravda": "Die von Rechtsextremisten aus ganz Sachsen und anderen Ecken Deutschlands entfesselten Unruhen in Chemnitz gebären sich als eine Reaktion auf die Ermordung eines jungen Mannes durch zwei Einwanderer. In Wirklichkeit zerstörten die Extremisten Besitz und bedrohten Gesundheit und Leben von überhaupt allen Menschen dort, nicht nur derer, gegen die sich vordergründig ihre pogromartige Hetzjagd durch die Straßen der Stadt richtete. (...) Die traurige Ironie, dass der in Chemnitz ermordete Mann einen kubanischen Vater hatte und somit unter anderen Umständen gar nicht zu den Lieblingen der extremen Rechten gezählt hätte, ist für alte und neue Nazis nicht interessant. (...) Oberflächliche Schlagzeilen über einen 'ermordeten Deutschen' lassen dann das Fragen nach den näheren Umständen überflüssig erscheinen."

"Ausländerfeindliche Komponente"

"La Vanguardia" aus Barcelona: "Man darf nicht tolerieren, dass Ultrarechte auf Kundgebungen sich selbst zum 'Volk' ernennen, da die große Mehrheit der Deutschen eine ganz andere Sicht der Dinge hat. Und man kann auch nicht akzeptieren, dass diese Demonstranten bei ihren Krawallveranstaltungen Losungen wie diejenige der 'Lügenpresse' ausrufen, die seinerzeit von den Nazis erfunden und benutzt wurde. Das Migrationsproblem ist derzeit in Europa schwerwiegend. Aber es werden nicht die Fremdenfeinde und Nazi-Nostalgiker mit ihrer Jagd auf Ausländer sein, die dieses Problem lösen."

"In ein Wespennest gestochen"

Die französische Regionalzeitung "L'Alsace": "Drei Jahre nachdem Angela Merkel einstimmig von Europa für ihre Flüchtlingspolitik gelobt wurde, bei der sie eine Million Flüchtlinge ins Land ließ, ist sie in ihrem eigenen Land das Ziel einer immer stärker werdenden Kritik. Trotz unleugbarer Erfolge ist die Integration von Menschen, die aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten kommen, länger und schwieriger als gedacht. Und es reicht, wie am diesem Wochenende, die Tötung eines deutschen Staatsbürgers durch einen 22-jährigen irakischen Asylbewerber mit einem syrischen Komplizen im sächsischen Chemnitz aus, um in ein Wespennest zu stechen."  

"Schrecklich alltäglich"

Der "Tages-Anzeiger" aus Zürich: "Angriffe von Rechtsextremen auf Ausländer sind in Deutschlands Osten schrecklich alltäglich. In kleinen sächsischen Städten wie Freital, Heidenau, Clausnitz oder Bautzen hat es in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls pogromhafte Jagden gegeben wie nun in Chemnitz. Besonders an dem Vorfall von Sonntag sind vor allem die Größe des Mobs, dessen straffe Organisation und die Tatsache, dass er die Straßen einer ziemlich großen Stadt an einem Wochenendnachmittag in Besitz zu nehmen wagte, als sich auch viele unbeteiligte Passanten dort aufhielten."

"Ausgerechnet Karl-Marx-Stadt"

"La Repubblica" aus Rom: "Als die Neonazis die Hand zum Hitlergruß hoben, war die Situation in Chemnitz schon außer Kontrolle. (...) Das, was in der Stadt - die ironischerweise einst Karl-Marx-Stadt hieß - passiert ist, sind Szenen, die man in Deutschland seit längerem nicht gesehen hat. Und die Neonazis haben sich für ihr Treffen - weitere Ironie - ausgerechnet die Statue des Vaters des Kommunismus ausgesucht."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. August 2018 um 12:00 Uhr.

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