Polizisten eskortieren die beiden Frauen, denen später der Zugang zum Hindu-Tempel gelang. (Archivbild vom 24.12.2018) | Bildquelle: AFP

Tempelstreit in Indien Zwei Frauen trotzen der Mauer aus Männern

Stand: 02.01.2019 13:34 Uhr

Unter Polizeischutz und bei Dunkelheit haben sie es geschafft: Zwei Frauen gelangten in einen Hindu-Tempel im Süden Indiens - und forderten so ihr Recht auf Gleichbehandlung ein. Der Konflikt schwelt seit Monaten.

Im Schutze der Dunkelheit haben in Indien zwei Frauen einen der heiligsten Hindu-Schreine betreten und damit ihr Recht auf Gleichbehandlung eingefordert. Nach Behördenangaben betraten sie kurz vor Sonnenaufgang heimlich unter Polizeischutz den Sabarimala-Tempel im Bundesstaat Kerala und verließen später das Heiligtum unentdeckt. Es gelang ihnen somit, die extremistischen Hindus zu umgehen, die seit Wochen den Sabarimala-Tempel in Kerala in eine Festung verwandelt haben und Frauen zurückhalten.

Zwei Frauen gelangen in den Hindu-Tempel im Bundesstaat Kerala im Süden Indiens. | Bildquelle: REUTERS
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Zwei Frauen gelangen in den Hindu-Tempel im Bundesstaat Kerala im Süden Indiens.

Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie die beiden Frauen in schwarzen Gewändern mit gesenkten Köpfen in den Tempel eilen. Sie seien nicht über die "18 heiligen Stufen" zu dem Tempel gelangt, sondern über den Personalzugang, berichteten sie anschließend.

Priester ordnet "Reinigungsritual" an

Die Aktion der beiden Frauen sorgte für heftige Proteste erzkonservativer Hindus - der Sabarimala-Tempel ist einer ihrer heiligsten Tempel. Der oberste Priester ordnete die Schließung des Tempels an, um ein "Reinigungsritual" vorzunehmen. Nach einer Stunde wurde er wieder geöffnet.

Die extremistischen Hindus wehren sich gegen die Aufhebung des Besuchsverbots für Frauen durch das Oberste Gericht des Landes. Der Tradition nach dürfen Frauen zwischen zehn und 50 Jahren den vergoldeten Tempel nicht betreten, weil die dort verehrte Gottheit als unverheiratet gilt und Gläubige eine "Verführung" fürchten. Das Verbot galt während vieler Jahre informell und wurde 1972 zum Gesetz. Im September 2018 erklärte jedoch das Oberste Gericht Indiens, die Praxis verstoße gegen die von der Verfassung garantierte Gleichbehandlung von Männern und Frauen.

Hindu-Männer beim "Reinigungsritual" im Tempel. | Bildquelle: AFP
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Hindu-Männer beim "Reinigungsritual" im Tempel.

Heftige Ausschreitungen

Zahlreiche Frauen hatten danach versucht, zu dem auf einem Berg gelegenen Schrein für den Gott Ayyappa zu gelangen. Sie waren jedoch von aufgebrachten Hindu-Aktivisten davon abgehalten worden. Im Oktober kam es zu Ausschreitungen zwischen Befürwortern des Verbots und der Polizei, etwa 2000 Menschen wurden festgenommen. Auch jetzt gab es wieder heftige Proteste gegen die Aktion der Frauen. Vor dem Parlament in Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Blendgranaten gegen die Demonstranten ein. Auch aus anderen Städten des Bundesstaats wurden Proteste gemeldet.

Hindu-Männer protestieren gegen den Tempel-Zugang für Frauen. | Bildquelle: REUTERS
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Hindu-Männer protestieren gegen den Tempel-Zugang für Frauen.

Zuletzt hatten Zehntausende Frauen in Kerala eine kilometerlange Menschenkette gebildet, um gegen das Tempel-Verbot zu demonstrieren und für Geschlechtergerechtigkeit einzutreten. Laut der im Staat Kerala regierenden kommunistischen Partei kamen sogar 5,5 Millionen Frauen für die Proteste zusammen. Die Nachricht von den beiden Frauen, denen der Zutritt zum Tempel gelang, wurde von der Solidaritätsbewegung begeistert aufgenommen.

Widerspruch gegen Gerichtsentscheidung

Auch juristisch geht der Streit weiter. Zahlreiche konservative Hindu-Bewegungen sowie die hinduistisch-nationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) von Regierungschef Narendra Modi legten Widerspruch gegen die Entscheidung des Obersten Gerichts ein. Sie fechten das Urteil mit der Begründung an, es ignoriere die traditionelle Überzeugung, wonach Ayyappa im Zölibat lebte. Für den 22. Januar ist eine Gerichtsanhörung der Urteilsgegner vorgesehen.

Seit Indien wieder von Modis hindu-nationalistischer BJP regiert wird, haben konservative und fundamentalistische Hindus Auftrieb. Der Konflikt um den südindischen Tempel ist deshalb auch Indiz der Identitätspolitik, mit der sie  Stimmung machen. Die BJP will nicht nur dem altindischen kulturellen und religiösen Erbe neue Geltung verschaffen, sie grenzt auch Indiens andere Religionsgemeinschaften aus,  ob Muslime, Christen, Jains oder Parsen. Die Gleichberechtigung von Frauen halten die Fundamentalisten ebenfalls für nachrangig. Diese Strategie dürfte auch den Wahlkampf der Hindu-Nationalisten prägen: Dieses Jahr bestimmen die Inder ein neues Parlament, die BJP will mit allen Mitteln an der Macht bleiben.

Mit Informationen von Sabina Matthay, ARD-Studio Südasien

Hindu-Nationalisten gegen Tempelbesuch von Frauen
Sabina Matthay, ARD Südasien
02.01.2019 13:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Januar 2019 um 13:30 Uhr.

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